Der Handcomputer ist des Wanderers Lust

28. Dezember 2005, 12:24
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Einige aktuelle Projekte des Wiener Usability-Forschungszentrums Cure

Nur noch 30 Minuten bis zum Abflug. Das betagte Ehepaar steht hilflos inmitten des hektischen Treibens in der riesigen Halle. Bis der Mann zum Handy greift: "Ich möchte zum Flug nach New York." Ab dann ist der Weg in die USA fast ein Kinderspiel. Die Stimme aus dem Mobiltelefon nennt markante Stellen: "Gehen Sie zu der großen Palme, dann rechts..."

Solche Szenarien könnten bald Alltag sein auf Airports, Bahnhöfen oder auch in Einkaufszentren. Hinter dem Projekt "Zielleitung" verbirgt sich die Intention, nur schwer überschaubare Orte für ältere Menschen einfach navigierbar zu machen. Ohne GPS, mit jedem konventionellen Handy. Im Mittelpunkt stehen besondere Orientierungspunkte, die das jeweilige Gelände intelligent strukturieren: "Auffällige Objekte im Raum sollen die Personen effizient und möglichst rasch zu ihrem Ziel leiten", erläutert Reinhard Sefelin von Cure, dem Wiener "Center for Usability Research & Engineering".

An jenem Forschungszentrum wurde im Rahmen eines Pilotversuches am Wiener Westbahnhof ermittelt, welche Objekte infrage kommen und wohin sich die Besucher hauptsächlich bewegen. Das Zauberwort lautet dabei Usability: Systeme werden bedienungsfreundlich gestaltet, damit sie jeder Anwender perfekt nutzen und leicht erlernen kann. So hält sich gleichzeitig die Fehlerquote in Grenzen, während die Zufriedenheit ansteigt. Genug Online-Shoppern sind Situationen vertraut, wo Firmen offenbar weder Lust noch Geld für solche Ideen hatten: Dann wird beispielsweise das Finden der elektronischen Kasse zum Rätsel für Fortgeschrittene. Möglichst simplen Umgang mit komplexen Systemen dient als Prophylaxe in einer Welt, die nicht bloß an technologischer Raffinesse zulegt. "Liaison" heißt jenes europäische Großprojekt, wo unter anderem auch standortbezogene Dienste für die Arbeitsabläufe für ganz bestimmte Berufsgruppen entwickelt werden. Ein Fallbeispiel ist der "Lone Worker Case". Der Arbeiter, der allein im Wald tätig ist, kann so nicht nur präzise zu technischen Einrichtungen wie Antennen gelotst werden. Sollte bei den Wartungsarbeiten plötzlich ein Unfall passieren, ist Soforthilfe möglich: Sensoren in seiner Kleidung signalisieren der Zentrale Bewegungslosigkeit. "Die Sicherheit bildet einen Hauptaspekt bei Usability", weiß Sefelin. "Wichtig ist die richtige Platzierung der Sensoren und die Gestaltung des Handsets, das sich in der Armbanduhr befindet."

Der einsame Werktätige und seine Rückversicherung liefern gleichzeitig ein klares Indiz für den Trend zu Multi-Channel-Anwendungen. Techno-Monokulturen verlieren an Gewicht, weil neue Medien zahlreiche neue Perspektiven und Herausforderungen schaffen. Sefelin: "Die Systeme laufen auf verschiedenen Trägern, Applikationen arbeiten immer mehr zusammen. Wer heute seine Fahrkarten kauft, kann das via Computer machen, bekommt aber auch SMS-Infos auf das Mobiltelefon."

Die Philosophie der mehreren Kanäle wird ebenso bei "WalkOnWeb" sichtbar: Sportliche Menschen können sich hier ihre eigene Wanderkarte über ein System erstellen, das selbst Vorschläge macht, wenn der User etwa im Bereich Großglockner unterwegs sein möchte. Sollte jemand keinen Handcomputer besitzen oder wenig Wert auf Hardware in freier Natur legen, genügt auch ein ganz konventioneller Ausdruck auf Papier. (pren/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.12. 2005)

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Cure
  • Umso einfacher ein System, umso erfolgreicher ist es: Wer viel suchen muss, wendet sich ab. Wer mit einem Knopfdruck zum Ziel kommt, bleibt als Kunde erhalten.
    foto: standard/cuhaj

    Umso einfacher ein System, umso erfolgreicher ist es: Wer viel suchen muss, wendet sich ab. Wer mit einem Knopfdruck zum Ziel kommt, bleibt als Kunde erhalten.

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