Der Prolo

1. Juni 2006, 19:01
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Alles in J. schrie auf: Das müsse ein Verwechslung sein - nicht er, die beiden Männer wären doch die Prolos...

Es war vor etlichen Jahren. Und auch nicht in Wien. Denn J.s Eltern leben immer noch in Baden. Und weil man sich beim Elternbesuchen ja nicht verkleiden muss – vor allem dann, wenn die Wahrscheinlichkeit, ein Stück Heckenschneidearbeit oder dergleichen umgehängt zu bekommen, hoch ist – ist J. in Baden eher leger unterwegs.

Er sei, erzählte J., also die Gasse seiner Kindertage entlang gelatscht. In einer Mischung aus salopp, alt und bequem: Irgendwelche Turnschuhe. Irgendeine Jean. Irgendein T-Shirt mit Bandaufdruck. Und die damals noch unvermeidliche Freitagtasche. Damals zwar auch schon keine Seltenheit mehr, aber doch noch ein Stück vom Status des Billasackerl der Naschmarktkaffeetrinkerfamilie entfernt.

Normalität

Er habe ganz normal ausgesehen, sagt J. Das sei ihm auch nur deshalb so gut in Erinnerung, weil er sich nachher mehr als verwundert im Spiegel betrachtet habe. Und Schuld daran waren die beiden Männer, die ihm da entgegen gekommen waren.

Er habe das Duo, sagt J., zuerst gar nicht bemerkt. Oder beachtet. Bis sie an ihm vorbei gegangen waren – und einer halblaut und fast andächtig-schockiert sagte: „Bist du deppert ­ hast du den Prolo gesehen?“ Da habe auch er den Kopf gedreht, sagt J. – aber die Gasse sei menschenleer gewesen. Bis auf ihn und die beiden Männer eben. Und als er den beiden Mitvierzigern dann nachschaute, sagt J., sei sein ganzes Weltbild ins Wanken gekommen. Nachhaltig.

Spiranudelfrisur

Einer der beiden trug nämlich eine halbherzige Metall-Mähne. Also so ein spiralnudelförmiges Etwas von Frisur, das ihm knapp über den Kragen des zyklamefarbenen Sakkos reichte. Die Ärmel waren aufgekrempelt, am Handgelenk baumelte ein Panzerkettenarmband und an der Hand eine Herrenhandtasche. Braunes Leder, mit Schlaufe. Modell Taxler. Oder Schwarzkappler. Auch die Hose habe, mehrfach-bundfaltig, zum Ensemble gepasst. Sie war zu kurz. Der Mann trug Schlüpfer. Und seine Socken, erinnert sich J., waren weiß gewesen. Bei beiden Männern.

Der andere, jüngere, habe eine Eierspeisfrisur gehabt. Also jenen halbblondierten Wellenschnitt, den sonst nur noch Tanzlehrer und Sportstaatssekretäre mit Stolz trügen. Dazu ein hellgrünes Sportblouson, eine kleingescheckerte Bodybuilder-Ballonseiden-Trainingshose und – zur Krönung – Schuhe, die auch Espandrillos gewesen sein könnten. Oder dürften.

Ein böser Traum

Diese beiden Männer, erzählte J., hätten ihn also als Prolo identifiziert. In einer kleinen Gasse in Baden. Und alles, wirklich alles in ihm habe da ganz laut aufgeschrien. Dass das ein Irrtum sei. Ein böser Traum. Eine Verwechslung. Weil doch die beiden – und keinesfalls er, der coole, schicke, elegante, lässige, urbane, junge J., der von den Türstehern der richtigen Clubs, den Kellnern der richtigen Lokale und den DJs der richtigen Plattenabspielstationen ge- und erkannt und von den richtigen Leuten der richtigen Kunstuniversitäten, Agenturen und Medien gerne angemailt und getroffen werde – die Prolos wären. Immer schon. Auf den ersten Blick. Und zwar in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Hätten die beiden ihn angepöbelt oder beleidigen wollen, sagt J., dann hätte er den Zwischenfall rasch vergessen. Aber die beiden hatten ja gar nicht mit ihm gesprochen. Sondern über ihn. Und er hatte das nur nebenbei, zufällig und unabsichtlich mitbekommen. Weil das Entsetzen über das, was den beiden Männern da als prollig entgegengekommen war, so groß war, dass ihnen der Schreck das Sprechvolumen von „dezent“ auf „laut“ drehte.

Deshalb, sagt J., könne er die Sache nicht vergessen. Manchmal sähe er die Welt seither sogar mit anderen Augen. Und zwar mit ängstlichen: Ab und zu träume und fürchte er nämlich, dass die beiden Männer vielleicht doch recht gehabt hätten. Und dann wäre all die mühsame Dazugehör-Arbeit der Jahre davor (und auch der danach) ja komplett für die Katz´ gewesen.

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von Thomas Rottenberg

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