Einserfrage: Ist Morales gut für Bolivien?

20. Dezember 2005, 19:01
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Es antwortet: Juliane Ströbele-Gregor, Anthropologin am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin

derStandard: Der linksgerichtete Kandidat Evo Morales hat nach ersten Nachwahlbefragungen die bolivianische Präsidentenwahl am Sonntag gewonnen. Wird Morales zur sozialen Stabilisierung des Landes beitragen?

Ströbele-Gregor: Ich bin da sehr skeptisch. Morales wird nicht nur den Druck der Rechten und der US-Amerikaner zu spüren kriegen, sondern sich auch den Forderungen seiner eigenen Klientel - der Kokabauern - und denen der Basisbewegungen stellen müssen. Und es wird garantiert zu Konflikten mit dem Gewerkschaftsdachverband und mit anderen sozialen Bewegungen kommen, die sehr große Erwartungen an ihn stellen. Die zum Teil sehr populistischen Versprechungen von Gleichheit, Frieden und sozialer Gerechtigkeit wird er so schnell nicht einlösen können. Wichtig ist es nun für ihn, einen guten Koalitionspartner zu finden.

derStandard: In der rohstoffreichen Provinz Santa Cruz hatte man sich gegen die Wahl von Morales ausgesprochen und hat auch vor einem Bürgerkrieg gewarnt. Wie real ist diese Gefahr?

Ströbele-Gregor: Das ist auch für Santa Cruz selbst ein großes Problem. In den Medien wird über die Camba-Nationalisten der Region berichtet, über die rechte und weiße Oligarchie. Die Bevölkerung von Santa Cruz besteht zu einem großen Teil aus Migranten aus dem Hochland, die mit den Positionen der Oligarchie und dessen separatistischen Vorstellungen nicht viel am Hut haben. Die Lage ist schwer einzuschätzen, die Camba-Nationalisten sind auch bewaffnet und zum Teil sehr faschistoide Leute.

derStandard: Die ersten Exit-Polls sprechen von einem Ergebnis von 44 bis möglicherweise 50 Prozent der Stimmen für Morales. In der Geschichte Boliviens hätte es noch nie ein Präsident einen derart hohen Stimmenanteil bekommen.

Ströbele-Gregor: Ergebnisse in der Höhe halte ich für unwahrscheinlich. Als ich im letzten Monat in Bolivien war, hatte ich den Eindruck, dass Evo Morales einen Teil derer, die er bei den letzten Wahlen auf seine Seite ziehen konnte - vor allem aus der urbanen, fortschrittlicheren Mittelschicht - mit seinen populistischen und pauschalen Aussagen sehr verschreckt hat. Auch seine Politik während der Präsidentschaft von Carlos Mesa hat er einen wankelmütigen Eindruck gemacht, der ihm einige Stimmen kosten könnte.

derStandard: Morales bezeichnet sich selbst als "Albtraum für die Vereinigten Staaten". Wird Morales die Beziehungen zu den USA abbrechen? Was bedeutet das für die transnationalen Konzerne?

Ströbele-Gregor: Einen Abbruch der Beziehungen mit den USA kann ich mir nicht vorstellen. Natürlich sind Konflikte vorprogrammiert. Es wird aber auch darauf ankommen, wie geschickt Morales agiert. Als begabter Politiker und guter Stratege müsste er hier durchaus etwas kleinere Brötchen backen. Wenn es zu einer Koalition mit Doria Medina kommen sollte, könnte ich mir durchaus vorstellen, dass auch Morales von seinen populistischen Sprüchen abrücken wird. Schließlich hat Medina in seinem Wahlprogramm sehr realitätsnahe Vorstellungen von der Beziehung mit den USA und den transnationalen Konzernen.

derStandard: Was würde eine Legalisierung des Kokaanbaus für den "US-Kampf gegen Drogen" bedeuten?

Ströbele-Gregor: Als in Bolivien 2002 Gonzalo Sánchez de Lozada gewählt wurde, war eines der ersten Handlungen, die Lozada setzte, die Ausarbeitung eines nationalen Plan für den Kokaanbau gemeinsam mit dem Koka-Bauernführer Evo Morales. Lozada und Morales konnten sich zwar einigen, von den USA wurde der Plan aber abgelehnt. Was ich sagen möchte ist, dass Morales sich damals sehr wohl als jemand positionierte, der sich bewegen kann. Ich bezweifle aber, dass die USA unter dieser Administration und bei diesem US-Botschafter in nächster Zeit wirklich diplomatischer und realitätsnaher agieren werden.

derStandard: Ein vorherrschendes Wahlthema war die Verstaatlichung der Erdöl- und Erdgasreserven. Was wird eine Verstaatlichung für die Zukunft des Landes bedeuten?

Ströbele-Gregor: Wenn man sich mit den internationalen Konsortien auf eine Umgestaltung ohne Entschädigungszahlungen einigen kann, dann befindet man sich sicher auf einem guten Weg. Die von den Konsortien finanzierten Betriebe haben sich ja bisher auf den Export konzentriert, was zu großen Engpässen in der Versorgung mit Haushaltsgas führte. Es wurde in die Infrastruktur im Land bisher viel zu wenig investiert. Sollte es gelingen, trotz Verstaatlichung die nationalen Betriebe effizient, unabhängig und vor allem nicht korrupt zu führen, wäre das wirtschaftlich sicher ein riesiger Schritt vorwärts. Allerdings hat sich Morales anscheinend noch keine konkreten Gedanken darüber gemacht.

derStandard: Falls Morales die absolute Mehrheit verpasst, müsste das Parlament den Präsidenten wählen. Könnte es hier noch zu Überraschungen kommen?

Ströbele-Gregor: Bolivien ist immer für Überraschungen gut. Was ich allerdings bedeutsam finde: Dorio Medina hat erklärt, dass er bereit sei, Evo Morales zu unterstützen. Ich denke, dass Medina und seine Sozialdemokraten Morales und der "Bewegung zum Sozialismus" politisch am nächsten stehen.

Die Fragen stellte Manuela Honsig-Erlenburg.

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