"Zehn Prozent Zinsen" als leeres Versprechen

19. Dezember 2005, 19:11
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Tausende Kleinanleger durch Schneeballsysteme geschädigt - Zwei Verfahren in Vorarlberg

Bregenz/Feldkirch - "Meine Freunde, meine Familie und ich haben 800.000 Schweizer Franken verloren, ich will jetzt endlich Gerechtigkeit", sagte der 34-jährige Feldkircher Milan Z. am Rande des Prozesses gegen die Schweizer Treuhänderin Rita H. in St. Gallen. Zum wiederholten Mal beschäftigt ein Großprozess gegen Betrüger die Vorarlberger Vier-Länder-Region: Seriös anmutende Anlageberater versprechen hohe Renditen und Tausende fallen darauf hinein. Die Folge sind Millionenverluste.

Versicherungsmakler Z. hatte H. als "wohlhabende, seriöse und äußerst kompetente Frau" kennen gelernt und ihr gutgläubig die hohe Geldsumme - nach seinen Aussagen Gewinne aus Devisengeschäften - anvertraut. H. versprach ihm dafür zehn Prozent Zinsen. Wie sie das Geld anlegen wollte, sagte sie ihrem Kunden nicht.

Dass gegen H. Verfahren laufen, wusste der Vorarlberger nicht. Mit dubiosen Anlagen soll die Frau seit 13 Jahren über 4000 Kleinanleger getäuscht haben. Sie muss sich nun vor dem Kreisgericht Rheintal wegen Betrug, Geldwäsche, Veruntreuung und Urkundenfälschung verantworten. Rund 100 Millionen Schweizer Franken (64 Millionen Euro) soll die 65-Jährige bereits gesammelt haben.

"Unübersichtlich"

Die Schweizerin kreierte mit deutschen Vermögensberatern, die längst zu Haftstrafen verurteilt wurden, Ende der 1980er-Jahre ein klassisches Schneeballsystem. Typisch dafür ist die "Unübersichtlichkeit", sagt der Vorarlberger Staatsanwalt Reinhard Fitz in Feldkirch.

Dort versucht man seit fünf Jahren, einen weiteren Fall mutmaßlichen Vermögensbetrugs nach dem Schneeballsystem - den Fall EACC - anklagereif zu machen: Über 2000 Anleger sollen um 55 Millionen Euro betrogen worden sein. Aber: "Die Sache hat Dimensionen, die man nicht so leicht in den Griff bekommt." Ein Prozesstermin sei nicht absehbar.

Mit dieser Überforderung der Gerichte rechnen die Initiatoren. Sie agieren international. So wurde die US-amerikanische EACC-Anlage über Vorarlberger Partner unter die Leute gebracht. Konten und Firmen hatte man in den USA, im Tessin, in Liechtenstein auf den Virgin Islands.

Bei der Geldsammlung hingegen orientieren sich Betreiber von Schneeballsystemen meist regional. Vermittler Dieter F., der für H. Gelder sammelte: "Rund 90 Prozent der Kunden hatten über Freunde oder Verwandte von der Anlage erfahren." (Jutta Berger; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.12.2005)

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