Schweizer Staatsbeamte wurden zu Angestellten

29. Dezember 2005, 11:13
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Kündbare, leistungsorientierte Verträge

Was in Österreich diskutiert wird, gilt in der Schweiz schon seit einigen Jahren: Aus Staatsbeamten wurden Angestellte - und aus praktisch lebenslang gesicherten Arbeitsverhältnissen kündbare, leistungsorientierte Verträge. Die Bundesverwaltung ist effizienter und kundenfreundlicher geworden, die Zahl der Stellen bei Bund, Bahn und Post insgesamt aber deutlich zurückgegangen, viele Ex-Beamte sind unzufrieden mit der laufenden Entwicklung.

Befehlsempfänger a. D. Mit der Abschaffung des Beamtenstatus war die Schweiz ihren europäischen Nachbarn voraus. Mit Zweidrittelmehrheit stimmte das Schweizer Volk im November 2000 dem neuen Bundespersonalgesetz zu. Zuvor unterstanden die rund 100.000 Angestellten von Bund, Post und Bundesbahnen dem Beamtenstatus - jeweils auf vier Jahre in ihr Amt gewählt, konnten sie nur bei groben Fehlern entlassen werden. Mitarbeitertreue wurde mit Arbeitsplatzgarantie und vergleichsweise gutem Lohn, der bis zur Pensionierung stetig stieg, belohnt.

Kritik am neuen Gesetz kam weniger von den Beamten der Bundesverwaltung als vielmehr von den Gewerkschaften der Eisenbahner und Postler, die weiterhin Arbeitsplatzgarantien verlangten, da Lokführer und Postler auf dem freien Markt kaum Chancen hätten.

Durch das modernisierte Personalrecht sollten die Bundesangestellten von Befehlsempfängern zu selbständig denkenden Mitarbeitern mutieren, die Dienststellen erhielten Zielvorgaben, die sie selbständig umsetzen sollten. Dieser "Kulturwandel", wie es der langjährige Chef des Bundespersonalamtes, Peter Hablützel, nannte, sei in vollem Gang. Für den einzelnen Angestellten sei die Arbeit in den letzten Jahren zwar anspruchsvoller, aber auch spannender geworden.

Allerdings hat der frische Wind mittlerweile gedreht: Eine Umfrage zur Zufriedenheit am Arbeitsplatz ergab im Sommer 2005, dass 31 Prozent der Befragten resigniert haben, weil sie überfordert sind von den neuen Freiheiten, die auch Unsicherheit bedeuten.

Die Post hat seit der Beamtenabschaffung im Jahr 2000 fast zehn Prozent der Jobs abgebaut, die Bahn weit über 1000. Bei der Bundesverwaltung hingegen ist die Zahl der Stellen nochmals angestiegen, auf heute rund 35.000. Doch nun will auch der Bund Jobs abbauen: Die Regierung will bis zu einem Siebtel der Stellen streichen; das Parlament beim Personal jährlich 50 Millionen Franken einsparen. (DER STANDARD, Print, 19.12.2005)

Klaus Bonanomi aus Bern
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