Rollende Textmaschinen

18. Dezember 2005, 19:16
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"Puppen" von Franzobel und Christoph Coburger im Wiener Jugendstiltheater

Wien - Kahle Bäume wie Riesenheugabeln, knirschendes Kies, Sturm, Nacht: Schon der kurze Weg zum Jugendstiltheater auf der Baumgartner Höhe macht eindruckstechnisch ordentlich was her. Drinnen im Theaterraum dann ein krakenhaftes Monstrum aus Pfeifen und Röhren, eine Orgelskulptur zwischen Dada und Dalí: aber hallo!

Puppen heißt das Stück, das da jetzt gleich passieren wird. Franzobel hat den Text der "zehn Veränderungen für 4 Schauspieler und automatische Orgel" geschrieben, Christoph Coburger die Musik. Coburger (auch Regie) ist Mastermind des "Ensemble für Städtebewohner"; Puppen - eine Koproduktion mit dem Zürcher Theater am Neumarkt - ist die zweite Produktion der freien Musiktheatergruppe, Herr K und Frau N, die erste Arbeit, war schon recht vielsprechend: Man ist gespannt.

Vier Schauspieler kommen in einem Wägelchen hereingerollt, schick und klug und geschlechtskonträr adjustiert, Franzobels Textmaschinerie rollt los. Es geht um Pygmalion und die von ihm erschaffene Galatea, also um Liebe, Liebesgeschöpfe, weiterführend um Sex, Sexpuppen, Schönheit, Schönheitsoperationen und vieles mehr.

Die unterschiedlichen Inhaltsunits zischen schnell und durcheinander daher, man muss seine Reflexionswerkzeugchen auf Maximallevel hochfahren, und man tut es gern, weil: Besser geht's nicht. Die Schauspieler (Marianne Hamre, Sylvana Krappatsch, Matthias Breitenbach, Christian Wittmann) haben 43.000 Jargons und innere und äußere Bewegungen parat, und nichts davon ist überkandidelt oder großgestisch oder schauspielschulgeschauspielert: "Begehrst du mich noch? - Lass mich in Ruhe."

Die Orgel tutet, man versinkt im Sprache-Musik-Komplex, im Kosmos Liebe, perplex und aufgekratzt und dankbar für so viel Gutes. Mit dem "Ensemble für Städtebewohner" hat sich ein feiner Mitspieler im Konzert der freien Gruppen eingefunden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.12.2005)

Von Stefan Ender
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