Sweet Sixteen

30. Dezember 2005, 08:33
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In einer Sora-Studie wird den 16- bis 18-Jährigen politische Aktivität und Demokratieverständnis bescheinigt - Kolumne von Peter Filzmaier

Wie wählten die 16-bis 18-Jährigen in der Wiener Landtags- und Gemeinderatswahl? Dazu präsentierte das Sora-Institut soeben eine Studie. Schon wieder eine dieser unzähligen Umfragen, noch dazu mit fast zweimonatiger Verspätung? - Mitnichten. Kaum zu glauben und trotzdem wahr: seriöses Datenmaterial über Präferenzen und Motive jener, die erstmals wählten, gab es bis dato nicht.

Wenn man einen Teil der Wählerschaft in der Größenordnung von rund drei Prozent erforschen will, bedeutet das, in einer Umfrage mit 1000 Anrufen 30 Personen aus der Zielgruppe zu erreichen. Mit utopischen 10.000 für alle Wähler repräsentativen Interviews wären es auch erst 300. Wer Wahltagsbefragungen für einen medialen Auftraggeber durchführt, kann allerdings froh sein, wenn es ihm gelingt, diesem eine vierstellige Stichprobe abzuringen.

Die Folge dieser Datenlücke betreffend das Wahlverhalten der Jungwähler war ein Sammelsurium von Vermutungen und Verdächtigungen: Man hat um die Wette geschätzt, ob die Jugend eher rechts- oder linkslastig sei, ihr eine besonders niedrige Wahlbeteiligung unterstellt und allerlei Befindlichkeiten angedichtet (Politikverdrossenheit, wenig inhaltsbezogene Wahlmotive . . .). Das fragwürdige Spektrum der dafür herangezogenen Quellen reichte von innerschulischen Projektarbeiten bis zu mehr oder minder erfundenen Politikeraussagen.

In der Sora-Studie wurden 700 Jugendliche telefonisch befragt und zudem persönliche Interviews durchgeführt. Das macht allgemein gültige Aussagen möglich. So gleicht die Wahlbeteiligung der 16- bis 18-Jährigen in Wahrheit jener der Erwachsenen. Nach Parteien liegen die Grünen um zehn Prozentpunkte besser bzw. SPÖ, ÖVP und FPÖ etwas schlechter als insgesamt. Generell zeigt sich: Je höher der formale Bildungsgrad und der Lebensstandard, desto größer der Anteil von Grünwählern. In Wien stimmten 36 Prozent jener Jugendlichen, die über einen "sehr hoher Lebensstandard" verfügen, für die Grünen. Ein interessantes Detail am Rande: Wer eine Mutter mit Pflichtschulabschluss hat, wählte zu 67 Prozent (!) die SPÖ. Unter den 16- bis 18-Jährigen mit Akademikerinnen als Mutter hingegen lagen Grüne und ÖVP mit 34 bzw. 31 Prozent voran.

Vor allem jedoch wird der Jugend durch die Studie politische Aktivität und Demokratieverständnis bescheinigt. Das sollte in der Wählen-mit-16-Debatte als klares Pro-Argument verstanden werden. Unabhängig davon müssen drei Dinge gesagt werden:

Erstens: Das Interesse der Parteien an 16- bis 18-Jährigen reduziert sich auf generellen Imagegewinn. Bestenfalls geht es um längerfristige Kundenbindung. Denn für eine wirkliche Klientelpolitik ist das Wahlverhalten von Kleinstgruppen nicht wichtig genug. Die Grünen etwa konnten mit dem Teilergebnis unter Jugendlichen ihr Gesamtresultat in Wien nur um 0,3 Prozentpunkte beeinflussen.

Zweitens: Das positive Urteil über das Politikinteresse der 16- bis 18-Jährigen befreit nicht davon, Politische Bildung in den Schulen über den Status eines notdürftig mit Geschichte, Wirtschaftskunde, Recht usw. kombinierten Faches hinauszuheben. Als eines der ohnehin in Vergessenheit geratenen Unterrichtsprinzipien konkurriert Politische Bildung mit 13 gleichnamigen Mitbewerbern von Sexual- bis zu Verkehrserziehung. Ein Lehrer, der zusätzlich zu den Schulbuchinhalten alle Prinzipien berücksichtigt, dürfte der Stecknadel im Heuhaufen gleichen.

Drittens: Wenn gemäß Sora die Integrationspolitik für 16- bis 18-Jährige das wichtigste Wahlthema war und die FPÖ mit ihrem Wiener Kampagnenstil nur auf Platz vier landete, ist das ein Anlass zur Hoffnung. (DER STANDARD, Print, 19.12.2005)

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