Krieger für die Friedensschlacht

19. Dezember 2005, 16:00
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Andrea Breths wunderbar lebensernste Burgtheater- Inszenierung von "Minna von Barnhelm oder Das Soldatenglück"

Andrea Breths wunderbar lebensernste Burgtheater-Inszenierung des Lustspiels "Minna von Barnhelm oder Das Soldatenglück" von Gotthold Ephraim Lessing betreibt Seelenverarztung: Wie bewältigt man Friedenszeiten?


Wien - Der moderne Massenkrieg hat im Gefolge seiner unglaublichen Verheerungen an Leib und Seele ein perverses, aber vereinzelt auch stürmisch begrüßtes Phänomen hervorgebracht. Der Massenkrieg als Erlebnis, schrieb der Stahlgewitter-Dichter Ernst Jünger, beschere den Kombattanten ein Gefühl von "Geselligkeit". Worauf der Dramatiker Heiner Müller aus dem Abstand von acht Jahrzehnten lakonisch antwortete: Kunststück, hätten die Soldaten aufgrund von Jugend und Erziehung doch keinerlei Gelegenheit gehabt, Erfahrungen mit Frauen zu sammeln!

Nicht mehr, aber auch nicht weniger erzählt Regisseurin Andrea Breth in ihrer behutsam seelenverarztenden Inszenierung von Lessings Minna von Barnhelm am Burgtheater. Sie erweist, wie der Raub der Lebenszeit auf erschöpfungsblinde Gemüter zurückschlägt. Sie erkundet in den Ruinen eines von Gipssprüngen und Plünderungsversuchen aufgesprengten Hotels (Bühne: Annette Murschetz), wie die Nachtblindheit verstockter Seelen den hellen, lichten Tag der Nachkriegsordnung kostet.

Der Heimkehrer Tellheim (Sven-Eric Bechtolf), ein in seiner Ehre verletzter Offizier des Siebenjährigen Krieges, wischt im mit Unflat besprenkelten Soldatenmantel durch die Hallen und Gänge. Als müssten sich an ihm, dem "Krüppel" mit dem steifen Arm, die ruhelos umherkriechenden Kriegsgewinnler stoßen: der Stoppelschädel eine fahle Bußlaterne der Weltbekümmernis. Sein Diener Just (Markus Meyer) pinkelt auf das verdorrte Hotelhallenkraut im Betontopf. Landser wie diese wissen die zivile Einrichtung eines Klosetts nicht mehr zu schätzen. Sie verhöhnen backenmahlend die Sorgen ihrer Wirten (Udo Samel), die sich mit süffisantem Spitzeleifer an der pekuniären Not der Vaterlandsverteidiger mästen.

Samels Diensteifer als Hotelier im Stangensakko, die glasig schwimmenden Blicke auf seine zahlunfähigen Etappengäste sind Notsignale. Diesen hart am Fett der Zurücksetzung würgenden Wirten hat man vordem ausgepresst und ausgeplündert. Was für eine wunderbare, erbarmungswürdige Charakterskizze!

Aber auf solchen Einzelbeobachtungen ruht Andrea Breths finsterer Kosmos. Während sich im Geräuschhintergrund die Armeejeeps durch die Straßen wälzen, hat sie die Wand zwischen privater Welt - die Domäne von Tellheims Verlobter Minna (Sabine Haupt) - und politischer Sphäre niedergelegt.

Mädchenallüren

Minna, die dem Geliebten nach Berlin nachgereist ist, um im selben Hotel zu landen, stellt auf durchgerittenen Matratzen die Wonnen des Backfischalters nach. Mit ihrer seltsam vor der Zeit altklug gewordenen Zofe Franziska (Pauline Knof) nascht sie in weißen Socken von den mitgebrachten, eingeweckten Früchten. Man übertaucht, Tellheims Eheversprechen vor Augen, die Waffenstillstandsruhe. Nicht gewärtigend, dass Tellheim, der Fußpüffe austeilt, wenn er an seinem Untergebenen zärtlich zu handeln meint, für das Geschäft des Friedens einfach nicht gerüstet ist.

Die geringen Schwächen einer turmhoch über der üblichen Klassikerverwaltung thronenden Inszenierung liegen am gelegentlich überschießenden Ernst. Der in seinen Ehrbegriffen wie im Korsett des Rekonvaleszenten steckende Bechtolf wird niemals auch als lächerlich kenntlich. Was er in Lessings mathematischem Spiel um (fehlende) Geldwerte und Friedensideale zweifellos ist.

Es ist der bitterste Ernst, der nichts weniger als rundum schlagende Kulturkritik übt. An der sich schlau dünken- den Intrigenstellerei der Minna. An einer Utopie eines Geschlechterdiskurses, der glaubt, ausgerechnet am Partner Erziehungskunststücke vollführen zu können.

Denn während sich Bechtolf immer tiefer in seinen Kränkungspanzer verkriecht, entwickelt die bis zur Hysterie agile Haupt einen überschießenden Reformeifer, an dessen sacht pathologischen Anteilen der zweifelhafte "Lustspiel"-Begriff zuschanden zu gehen droht.

In Erinnerung bleiben zarte Gesten der Lebensuntüchtigkeit: von Veteranen (Cornelius Obonya), die mit dem Hawaii-Hemd notdürftig als Zivilisten getarnt, ihre Hände lieber im Hosensack vergraben, als das große Glück der Liebe auch wirklich zu packen. Die wie die Familie Tellheim-Barnhelm als Ausgesiedelte mit Koffern sich selbst abhan- den gekommen sind - und es absehbar auch bleiben. Gemessener Applaus für eine - nehmt alles nur in allem - große Inszenierung. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.12.2005)

Von Ronald Pohl
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    Das Fräulein von Tellheim (Sabine Haupt) bei der Kriegererziehung: Major von Tellheim (Sven-Eric Bechtolf) zeigt sich gegenüber Zärtlichkeiten unempfindlich.

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