"Jacques Pot" geknackt, "Giftbecher" für Brown

22. Dezember 2005, 19:11
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Der Brüsseler Kompromiss war kaum in trockenen Tüchern, da hagelte es auch schon Kritik an Tony Blair

Schelte, mit der Londons notorisch euroskeptische Boulevardblätter ihren Premier überzogen, kam freilich für niemanden überraschend.

Blair habe "unter Beschuss kapituliert" (Daily Mail), sei wie ein Schwächling "eingeknickt" gegenüber den sturen Franzosen (The Sun), hieß es - das Übliche eben, wenn ein Brite einmal einlenkt in einem europäischen Streit. Witzig liest sich allenfalls, was The People schrieb, eine eher obskure Gazette: "French Hit ze Jacques Pot". Die Franzosen hätten den Jackpot geknackt, sollte das Wortspiel bedeuten. Jacques Chirac habe nichts gegeben, aber alles gewonnen - eine Konstellation, wie sie insularen Kleingeistern, seit jeher fixiert auf das Duell mit dem gallischen Erzrivalen, gallebitter aufstößt.

Brisanz allerdings birgt, was die Gerüchteküche über einen ganz anderen Streit zu vermelden hat, über den zwischen Blair und Gordon Brown, seinem Schatzkanzler. Brown, der nicht gerade als großer Freund der EU gilt, war in Amerika unterwegs und soll angeblich nicht gefragt worden sein, als Blair in der Hitze des Brüsseler Pokers beschloss, Britanniens Beitragsrabatt noch ein wenig mehr zu beschneiden als anfangs geplant. Nun beschert der Deal dem Finanzminister ein neues Loch in der Kasse, rund eine Milliarde Pfund Sterling im Jahr, Geld, das er lieber in Krankenhäuser und Schulen gesteckt hätte.

So berichtet es jedenfalls die Sunday Times, wobei sie das Ganze ins Licht einer gewagten Verschwörungstheorie taucht: Blair habe am Verhandlungstisch nur deshalb Milde gezeigt, weil er Brown einen "vergifteten Becher" vererben wolle, eine schwere Hypothek, an der sich der Kassenwart die Zähne ausbeißen möge.

Spätestens 2009, vor der nächsten Wahl, vielleicht auch schon früher, soll Brown das Amt des Regierungschefs übernehmen. Seit Langem kursieren schillernde Szenarien, wie Blair, mal verbittert, mal Egomane, seinem ungeliebten Kronprinzen vorher noch Steine in den Weg zu werfen gedenkt. Das "Giftbecher"-Drehbuch ist nur eines davon. Glaubt man Downing Street Nr. 10, dann stimmt daran kein einziges Wort. Lakonisch werden alle Berichte dementiert, die Brown als Verlierer der EU-Einigung sehen: "Wir haben das als Kabinett zusammen ausgehandelt." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.12.2005)

Frank Herrmann aus London
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