Sozialist Morales bei Präsidentenwahl vorne

19. Dezember 2005, 06:33
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Nachwahlbefragungen: Kokabauer und Gewerkschaftsführer zehn Prozentpunkte vor dem konservativen Ex-Staatsoberhaupt Jorge Quiroga

La Paz - Der linksgerichtete Kandidat Evo Morales hat die bolivianische Präsidentenwahl am Sonntag gewonnen. Dies ging Sonntag Abend aus zwei Nachwahlbefragungen von Fernsehsendern hervor, die dem Bauernführer und US-Gegner 44 bis 45 Prozent der Stimmen geben. Sein konservativer Gegenkandidat, der Ex-Präsident Jorge "Tuto" Quiroga, kam demnach nur auf 33 bis 34 Prozent der Stimmen.

Morales wäre der erste Indio an der Spitze des bettelarmen südamerikanischen Staates. Er macht sich für eine Legalisierung des Koka-Anbaus stark und hat sich selbst als "Albtraum" der USA bezeichnet. Da Morales den Exit-Polls zufolge die absolute Mehrheit verfehlt hat, fällt die Entscheidung über den künftigen Präsidenten Bolivienes dem ebenfalls am Sonntag neu gewählten Parlament des Landes zu. Allerdings hat der Drittplatzierte der Wahl, der Zement-Millionär Samuel Doria Medina, bereits angekündigt, den Kandidaten zu unterstützen, der in der ersten Runde mit mindestens fünf Prozentpunkten Vorsprung an erster Stelle steht.

Kopf-an-Kopf-Rennen

Bei der Abstimmung, zu der rund 3,8 Millionen Menschen aufgerufen waren, war ein Kopf-an-Kopf-Rennen des Kokabauers und sozialistischen Gewerkschaftsführers Evo Morales und seines schärfsten Widersachers, des konservativen Ex-Präsidenten Jorge Quiroga, erwartet worden. Der derzeit amtierende Interimspräsident Eduardo Rodriguez, der nach der politischen und sozialen Krise vom Juni dieses Jahres dem zurückgetretenen Carlos Mesa nachfolgte, trat zu der Wahl nicht an. Ergebnisse der Abstimmung wurden erst für die Nacht auf Montag erwartet.

Während Morales für die verarmten Indios eintritt, vertritt der wirtschaftsliberale Quiroga die regierende Gesellschaftsschicht, die sich aus den Nachfahren europäischer Einwanderer zusammensetzt. Auch die 157 Senatoren und Abgeordneten des Kongresses wurden am Sonntag neu gewählt.

Zwei Revolten in drei Jahren

In den vergangenen drei Jahren wurden in Bolivien zwei Präsidenten gestürzt. Die Revolten sind Ausdruck der Ungeduld der verarmten Indio-Bevölkerung angesichts der ungelösten sozialen Frage im Land. Unabhängig vom Wahlausgang richten sich daher viele Beobachter darauf ein, dass sich möglicherweise auch der neue Staatschef nicht allzu lange im Amt halten wird.

Erst im Juni war Präsident Mesa zurückgetreten. Zuvor hatte es wochenlang teils gewaltsame Proteste der Indios für eine Verstaatlichung der Erdgas-Vorkommen des Landes gegeben. Die Demonstranten hatten zudem der Elite sowie ausländischen Firmen vorgeworfen, einseitig von der Verwertung der Bodenschätze zu profitieren. Um neue Krawalle zu verhindern, waren am Sonntag rund 50.000 Polizisten im Einsatz. Der Verkauf von Alkohol war verboten, und Geschäfte blieben weitgehend geschlossen. Etwa 200 ausländische Wahlbeobachter waren in das Land gereist, in dem Wahlpflicht herrscht. (APA)

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    Evo Morales setzt sich vor allem für die indigene Bevölkerung Boliviens ein.

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    Laut ersten Nachwahlbefragungen dürfte Evo Morales das Rennen um die Präsidentschaft knapp für sich entschieden haben.

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