Die Blumen des Untergrunds

15. November 2006, 16:28
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Herr Keskin und die duftigste Toilettenanlage der Linie U2

Wien - Der Ruf der Wiener U-Bahntoiletten ist im schlimmsten Sinne des Wortes anrüchig. Die öffentlichen Häusel der Wiener Linien sind allenfalls die letzt mögliche Anlaufstelle für Passanten und Pendler mit schwerwiegenden menschlichen Bedürfnissen. Betritt man jedoch die Toilette in der U2-Station Museumsquartier sind alle Vorurteile wie abgewischt.

Der Locus dort hat nämlich eher die Anmutung eines Hindu-Tempels als eines Öffi-Klos. Statt Schmierereien zieren Blumengirlanden die tiefblau verkachelten Wände. Auch der auditive Kontrast zur geschäftig lauten U-Bahnhalle ist beeindruckend. Diese Toilette ist sicher das stillste Örtchen im U-Bahnnetz. Nur die Lüftung verströmt ein meditatives dunkles Summen aus den Tiefen des Raumes.

Muschelmann

Herr der Muscheln ist der 46-jährige Türke Hamsa Keskin. Er hält seinen Tempel der Ruhe penibelst sauber, Duftwässerchen auf den Pinkelbecken sorgen dafür, dass die Nase des Besuchers nicht vom penetrant chemischen Geruch der WC-Steine oder gar von menschlichen Hinterlassenschaften beleidigt wird.

"Ich wollte es einfach schön machen", begründet Keskin die Aktion. "Den Leuten gefällt es." Auch wenn sich der eine oder andere dringende Kunde schon mal über die 50 Cent Schüsselmiete beschwert. Dafür kann er dann in einer fast schon heimeligen Atmosphäre in Ruhe seinen Gedanken nachhängen. Auch die Frau Cheffin war begeistert, als sie zum ersten Mal Keskins Verschönerung sah.

Auf die Frage, ob sich in seinem Häusel denn auch lustige oder interessante Geschichten abspielen würden, lächelt er sehr wissend und schweigt. Was hinter Herrn Keskins Türen passiert ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. (ran, DER STANDARD Printausgabe, 17./18.12.2005))

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    foto: standard/christian fischer
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