Betrifft: Gastkommentar "Eine Holztäfelung mit Reflexwirkung"

27. Dezember 2005, 12:54
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von Jan Tabor, DER STANDARD, 26./27.11.2005

Nazifizierung . . .

Offensichtlich im irrigen Glauben an eine Art von "Weltverschwörungstheorie" beklagt Tabor etwas wehleidig und verstört das "peinliche Spiel", ehrenwerten Herrschaften aus der "ostmärkischen" Kunst- und Kulturszene eine "passable Nazivergangenheit anzudichten". In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an die Anschuldigungen gegen das Schauspielerehepaar Hörbiger-Wessely, die Elfriede Jelinek den Beinamen "Nestbeschmutzerin" eingebrachten. Letztlich bekam sie aber Recht.

Mich schwärzt Tabor als Urheber jener von voreiligen Kunsthistorikern und Architekturkritikern geschaffenen Spekulationen an, die die Vertäfelung des sog. "Führerzimmers" im Volkstheater Josef Hoffmann andichten.

Zur Klarstellung: Nirgendwo habe ich dies je behauptet oder niedergeschrieben, sondern erinnere alle Beteiligten der Volkstheater-Posse daran, dass die Generalkonservatorin des Bundesdenkmalamtes Frau Dr. Eva-Maria Höhle dies im STANDARD-Album-Dossier vom 5. November erwog, um möglicherweise den "Fund" aufzuwerten, sodass er unbedingt "in situ" erhalten bleibt bzw. rekonstruiert wird.

So weit so gut. Dass sich allerdings Architektur-Zentrum-Doyen Friedrich Achleitner im selben Dossier dazu hinreißen lässt, ernsthaft zu behaupten, Josef Hoffmann sei "niemals ein Nazi" gewesen, ist schon merkwürdig. Laut den vorliegenden Gau-Akten war Hoffmann als so genannter "Märzgefallener" bereits ab 22. März 1938 Anwärter bzw. schon NSDAP-Mitglied und kurz danach auch Mitglied der Reichskulturkammer.

Es mag schon stimmen, dass Hoffmann hin und wieder stets im eigenen Interesse auch seinen in Not geratenen Kollegen und jüdischen Freunden half. Deswegen war er noch lange kein "guter Nazi", den manche nachträglich rein waschen wollen. Wegen seiner vermeintlichen "politischen Unzuverlässigkeit" von der Nazi-Bürokratie zwar angeprangert, sogar als "degenerierter Kunstgewerbler" (Paul Schmitthenner) beschimpft und beruflich weitgehend kaltgestellt, war Hoffmann dennoch die "graue Eminenz" im Hintergrund. So wurde er von Wiens neuem, musisch angehauchtem Gauleiter Baldur von Schirach im Jahr 1941 zum "Sonderbeauftragten des Kulturamtes für die künstlerische Neubildung des Wiener Kunsthandwerks" ernannt.

In diesem Zusammenhang muss auch erwähnt werden, dass Hoffmann durchaus in einem anderen Sinn ein Nutznießer bzw. Profiteur des herrschenden Nazi-Systems war, indem er von 28. Mai 1940 bis zu seinem Tod 1956 in einer "arisierten" Luxuswohnung wohnte (III., Salesianergasse Nr. 33/2/7; vgl. Stefan Tempel/ Tina Walzer: Unser Wien - "Arisierungen auf Österreichisch", Berlin 2001; p. 127).

Helmut Weihsmann, Architekturhistoriker und freier Kurator in Wien



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. . . der Architektur?

Lieber Jan Tabor, stimme mit Ihrer differenzierten Darstellung des Medienbrimboriums um das so genannte "Führerzimmer" völlig überein. Auch der Nazifizierungsversuch des Architekten Josef Hoffmann ist abzulehnen.

Wie immer in Sachen Hoffmann muss man hier auf die Darstellung hinweisen, die Eduard Sekler in seiner 1982 publizierten Hoffmann-Monographie der Tätigkeit des Architekten vom Anschluss 1938 bis 1945 gewidmet hat. Sekler meint (S. 219): "Hoffmann kannte zu viel von der Welt und dem breiten Spektrum ihrer ganzen Kultur, um nicht eine gewisse Toleranz und eine weitere Perspektive zu besitzen, als sie bei doktrinär deutschnationalen und später nationalsozialistischen Zeitgenossen zu finden war."

Und: Sekler attestiert Hoffmann angesichts etwa der nicht realisierten Pläne für ein "Gästehaus der Stadt Wien" anstelle des Kursalons im Stadtpark (1938/39), "in künstlerischen Belangen wesentlich mehr Charakter (gehabt zu haben) als viele seiner Kollegen." - Josef Hoffmann ist also augenscheinlich das falsche prominente Opfer einer nachträglichen Nazifizierung, wie überhaupt die Grenzen der Anbiederung fließend sind, wenn sich etwa Architekten des "Roten Wien" nahtlos in die Bauideologie des Nationalsozialismus einfügten, nur um nach dem Zweiten Weltkrieg wieder Gemeindebauten zu entwerfen, wie das etwa die Ausstellung "Das ungebaute Wien" im Historischen Museum der Stadt Wien 2000 vor Augen geführt hat.

Rainald Franz, Kunsthistoriker in Wien

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