Soja in Deutschland und Cola in China

16. Dezember 2005, 19:41
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"So isst die Welt" erzählt Geschichten vom Überfluss und vom Mangel - in Zeiten der Globalisierung

Die Browns aus Brisbane in Australien sind eine siebenköpfige Familie, die gerne Fleisch isst. Viel Fleisch: Pro Woche verspeisen sie im Durchschnitt neun Kilo Faschiertes, fünf Kilo Schinken, viereinhalb Kilo Corned Beef, drei Kilo Schweinskotelett, drei Kilo Bratwurst, drei Kilo Steaks, zwei Kilo Huhn, aber bloß ein Kilo Fischstäbchen und 24 Eier. Uff. Das mag man sich gar nicht vorstellen, doch so haben sie es Faith D'Aluisio und Peter Menzel (sie Journalistin, er Fotograf) erzählt.

Familie Aboubakar aus der sudanesischen Provinz Darfur isst auch gerne Fleisch. Doch seit der Vater ermordet und die Familie von Haus, Hof und Schafherde vertrieben wurde, sind Mutter D'jimia und ihre fünf Kinder in einem Flüchtlingslager im Osten des Tschad auf Hilfslieferungen der UNO angewiesen. Die bestehen zum größten Teil aus Hirse und Hülsenfrüchten, Fleisch und Fisch muss man sich selbst kaufen. Zu besonderen Anlässen, wie dem Ende des Ramadan, leisten sich mehrere Familien gemeinsam ein Tier, das sie schlachten und aufteilen. Ein Teil wird zum Festmahl frisch zubereitet, der Rest getrocknet. In der Zeit, da die Journalisten aus Amerika zu Gast waren, konnte Familie Aboubakar noch von so einem früher angelegten Vorrat zehren: 200 Gramm getrocknetes Ziegenfleisch mit Knochen und 200 Gramm getrockneter Fisch standen für die Woche zu Verfügung - genug, um der Hirsesuppe an manchen Tagen eine Idee Protein mitzugeben.

Für ihren eben im Geo Verlag erschienenen Band So isst die Welt haben D'Aluisio und Menzel 30 Familien in 24 Ländern besucht, quer durch alle Kontinente, sozialen Schichten und Religionen. In Bhutan kochten sie mit der Familie von Namgay und Nalim auf offenem Feuer in einer komplett verrauchten Küche ohne Abzug. Auf Okinawa im Süden Japans besuchten sie mit der 96-jährigen Matsu Taira ein "Langlebigkeitsrestaurant", dessen Speisen den Besuchern zu einem verlängerten Dasein auf Erden verhelfen sollen. Jedes Kapitel ist einer Familie und deren Lebenssituation gewidmet. Mit jeder dieser Familien gingen D'Aluisio und Menzel einkaufen. Dann wurde fotografiert: ein Porträt der Familie mit den Lebensmitteln, die sie in einer Woche verbraucht. Es ist ein schönes, kluges und verstörendes Buch geworden.

Auf vielen Fotos muss man die Konsumenten der Lebensmittel-Berge, die da in einer Woche verdrückt werden, fast suchen - was auch an den Verpackungen liegt, die proportional mit dem Wohlstand der Verzehrer zu wachsen scheinen. Bei anderen weiß man auf einen Blick, dass die vielen Mäuler von dem bisschen Essen nur ungenügend satt werden können. Der Schock sitzt - weil man sich unwillkürlich vorstellt, wie der eigene "Futtertisch" im Vergleich dazu aussehen würde. Dennoch ist den Autoren moralinsaures Zeigefingern fremd. Stattdessen tauchen sie kopfüber in die fremden Lebenswelten ihrer Gastgeber ein, notieren exotische Kochrezepte ebenso wie den Preis eines Big Mac in jedem der besuchten Länder.

Ob auf den Philippinen, in Bosnien oder im kommunistischen Kuba: Längst haben die Konzerne der Lebensmittelindustrie und ihre weltweit bekannten Markennamen die Erde bis in ihre verstecktesten Ecken kolonialisiert, längst gibt es den Maggi-Nudelsnack in Indien, die Rama-Margarine in der Mongolei, Cola in China. Gleichzeitig gehört etwa Sojasauce zur kaum verzichtbaren Grundausstattung eines chinesischen wie auch eines deutschen Gewürzbords. So gerät der Band auch zur Dokumentation der gigantischen Umwälzung des weltweiten Ernährungsverhaltens: Die Macht der Agrarindustrie, der Massentourismus und die Globalisierung führen zu einer bislang undenkbaren Angleichung der Lebensmittelkultur rund um den Erdball.

Was bestehen bleibt, ist die schreckliche Diskrepanz zwischen Familien wie den Aboubakars im Tschad, die um 1,44 Dollar pro Woche einkaufen können, und den Melanders aus dem Norden Hamburgs, wo jede Woche 494 Dollar zur Verfügung stehen. Davon freilich gehen mehr als 90 Dollar für Vitaminpillen und andere Ergänzungspräparate drauf - ohne sie hätte die Familie den Eindruck, zu ungesund zu leben. (Der Standard, Printausgabe 17./18.12.2005)

Von Severin Corti

  • Peter Menzel und Faith D'Aluisio, So isst der Mensch, € 40,10/288 Seiten. Geo bei Gruner+Jahr.
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    Peter Menzel und Faith D'Aluisio, So isst der Mensch, € 40,10/288 Seiten. Geo bei Gruner+Jahr.

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