"Akzeptieren, nicht blöd anstarren!"

18. Dezember 2005, 20:32
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Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen informieren in Innsbruck die Passanten

Innsbruck – Die vier Frauen verschenken Zuckerln mit kleinen Spruchbändern und irritieren damit ein wenig. „Immer wieder will uns jemand Geld geben, aber wir suchen keine Spenden. Wir wollen informieren und auf uns aufmerksam machen“, sagt Filiz Cay. Sie und drei Kolleginnen – Iris Kraut, Daniela Pittl und Andrea Raderer – stehen an einem Infotisch in der Innsbrucker Bahnhofshalle und beglücken Passanten mit kurzen Botschaften: „Menschen mit Beeinträchtigung wollen keine Bemitleidung“, „Mehr Arbeitsplätze für Jugendliche mit Einschränkungen“.

"Mehr zutrauen"

Auf einem Flugblatt wird ausführlicher informiert: „Wir wollen nicht ,geistig behindert‘ genannt werden“, „man sollte uns viel mehr zutrauen“. Sie wünschen sich, „nicht angestarrt“ zu werden, weil sie „anders aussehen“. Und ganz im Sinn der internationalen People-First-Bewegung, die auf Selbstvertretung pocht, bestehen sie auf Rechten, etwa „auf Beziehungen, Sexualität und Kinder“.

Eine Woche lang nutzen die „GleichberechtigungsrebellInnen“, zu denen auch fünf junge Männer gehören, den öffentlichen Raum, um am Bahnhof, Marktplatz und der Sowi-Fakultät ins Gespräch zu kommen, in der Hoffnung, Vorurteile ein wenig abbauen zu können. Auslöser für die Aktionstage seien eine Reihe „von bedenklichen Vorfällen gewesen, vor allem in Bussen und der Straßenbahn“, sagt Lisa Gensluckner vom Projekt „FreiRaum“, eine der Begleitpersonen.

Angegriffen

Die „Menschen mit besonderen Bedürfnissen“, wie sie sich auch gern nennen, würden beschimpft oder tätlich angegriffen. Sie erzählten, dass Busfahrer die Tür zu früh schließen, dass sie angerempelt, von Fahrgästen gar aus dem Bus gestoßen würden. Während der Aktionswoche waren die Erfahrungen „weit gehend erfreulich“. An den drei ersten Nachmittagen gab es Kontakt mit mehr als 2000 Personen: „Wir reden nur mit jemandem, der es auch will“, sagt Daniela Pittl, „sonst landet das Flugblatt eh gleich im Papierkorb.“ (bs, DER STANDARD Printausgabe, 17./18.12.2005)

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