Der Kriminalist im Literaturarchiv

16. Dezember 2005, 19:21
posten

Wilhelm Hemecker studiert und verfasst Biografien bedeutender Persönlichkeiten

Wilhelm W. Hemecker fürchtet sich nicht vor dicken Schwarten, verstaubten Nachlässen und krakeligen Handschriften: Sie sind Ausgangsmaterial für Lebensgeschichten, mit denen sich der Leiter des neuen Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte und Theorie der Biographie befasst. Schon als Kind verschlang er griechische Heldensagen, quasi die Anfänge der Biografik. Herkulisch mutet jedenfalls seine aktuelle Forschungsaufgabe an: die erste umfassende Biografie Hugo von Hofmannsthals, für die 10.000 veröffentlichte Briefe und wohl noch mehr unveröffentlichte, 33.000 Seiten Gesamtausgabe mit Dichtung und 10.000 Notizblätter bewältigt werden müssen. "Ich bin kein ausgesprochener Fan von Hofmannsthal, aber das muss man als Biograf auch nicht sein. Ich vergleiche den Beruf eher mit Kriminalistik", erklärt der Germanist Hemecker.

Detektivische Spurensuche durch das Institut ist im Fall der Schulreformerin und Schriftstellerin Eugenie Schwarzwald vonnöten. Weil sie vor den Nationalsozialisten nach Zürich fliehen musste, gingen viele Dokumente verloren. "Ihre Materiallage verursacht eher einen Horror Vacui", Thomas Bernhard und Ernst Jandl hingegen haben sehr viel hinterlassen. Dennoch verzetteln sich Hemeckers Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beim Aufarbeiten nicht: Das Programm ist auf sieben Jahre angelegt und laufende Evaluation durch die Partner (Jüdisches Museum Wien, Nationalbibliothek, Thomas-Bernhard-Stiftung und Universität Wien) vorgesehen. Das Boltzmann-Institut kooperiert mit Forschern weltweit, die relevante Puzzlestücke der vier ausgewählten Personen bereits bearbeiten. Dabei ist das Internet - auch in Form von multimedialen Datenbanken - eine große Hilfe, zumal wichtige Zentren der biografischen Forschung nicht nur in Europa, sondern in China oder auf Hawaii liegen.

Theorie und Praxis gehen in dem Fach, das andere Wissenschafter gerne "zwischen Spekulation und Psychologie ansiedeln", Hand in Hand. Mit seinen Kollegen analysiert Hemecker ausgewählte biografische Klassiker - "nicht alle würde ich zum Lesen empfehlen", schmunzelt er - und versucht, Kriterien für die wissenschaftlich fundierte Gratwanderung an der historischen Wahrheit festzulegen.

Der studierte Philosoph und Theologe Hemecker zählt auch die vier Evangelien zu seinem Forschungsgebiet, "weil sie beschreiben, was Menschen für Erfahrungen mit einem anderen Menschen gemacht haben". Auch wenn es unter Biografen verpönt ist, unmittelbar vom Leben auf das Werk und umgekehrt zu schließen, gibt die private Lesekarriere Hemeckers Aufschluss über sein liebstes Hobby. "Gefesselt haben mich als Jugendlicher eher romanhafte Darstellungen des Lebens von Chopin, Liszt und Tschaikowsky." Und tatsächlich spielt der in Iserlohn als Sohn einer ungarischen Tanzlehrerin und eines westfälischen Kaufmanns geborene Wilhelm Hemecker in seiner Freizeit passioniert Klavier. (Astrid Kuffner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18. 12. 2005)

  • Artikelbild
    illustration: standard/oliver schopf
Share if you care.