Zwischen Unterbelichtung und Overkill

17. Dezember 2005, 14:00
posten

Viele Filme und Videos in der Irak-Ausstellung "The Iraqi Equation" in den Berliner KunstWerken

Berlin - Viel Zeit müsste man aufbringen, um jene Filme und Videos sichten zu können, die Catherine David in ihrer Irak-Ausstellung präsentiert. Dennoch bleibt "The Iraqi Equation" letztlich sehr symptomatisch nur eine kuratorische Skizze.


Vier Schirme hängen von der Decke der KunstWerke in Berlin. Sie bilden ein Zelt oder eine Kammer, ein Dazwischen, in dem sich der Irak befindet. Das Land ist der leere Raum zwischen den Bildern, die der Künstler Samir gesammelt hat und nun auf vier einander gegenüber hängende Schirme projiziert.

Private Videoaufnahmen einer irakischen Mittelklassefamilie sind zu sehen, daneben Ausschnitte aus dem britischen Kolonialfilm Ageless Iraq und aus dem Hollywood-Stummfilm Der Dieb von Bagdad. Die vierte Wand bilden die ganz gewöhnliche Fernsehbilder aus der Gegenwart des Irak: Straßenszenen mit patrouillierenden Soldaten, Alltag in einer Stadt unter Aufsicht, Warten auf eine ungewisse Zukunft oder einen neuen Anschlag.

Oriental Square heißt diese Arbeit, die sich am Eingang zu einer Ausstellung befindet, die den Irak als eine Gleichung beschreibt, die nicht aufgeht: The Iraqi Equation, zusammengestellt von Catherine David, ist Teil eines längerfristigen Projekts über Contemporary Arab Representations. Die einstige Kuratorin der documentaX (1997) erforscht seit einigen Jahren die arabische Welt. Nun legt sie vor, was sie über den Irak herausgefunden hat.

David versucht einen Brückenschlag zwischen ganz aktuellen Beiträgen zur Situation des Landes nach dem Sturz von Saddam Hussein, und Zeugnissen aus der Zeit, als der Diktator noch nicht an der Macht war. Der Blogger Salam Pax etwa steht gegenwärtig für eine Generation, die bei Meinungsfreiheit eher an Technik als an Öffentlichkeit denkt. Freier Zugang zum Netz und zur digitalen Bildproduktion zählt für diesen Piraten des Nachrichtenwesens, der mittlerweile von den britischen Medien unter die Fittiche genommen wurde und seine Videotagebücher für die BBC produziert.

Das gegenteilige Prinzip vertritt Latif el Ani, dessen Bilder aus Bagdad 1955-63 und Irak 1960-69 in The Iraqi Equation diaprojiziert werden. Er arbeitete im Stil der klassischen Fotoreportage. Durch den Briten Jack Persekian kam Latif el Ani in Kontakt mit der Iraq Petroleum Company, im Magazin Ahl el Naft ("Ölmenschen") veröffentlichte er seine Serien.

Nur an wenigen Stellen gehen herkömmliche Kunsttypen in The Iraqi Equation ein. Ein großes Wandgemälde, auf dem Faisil Laibi Sahi eine Szene aus einem Kaffeehaus in Bagdad zeigt, eine Männeridylle mit Wasserpfeife und Schuhputzer, ist der einzige Beitrag eines Malers. Das arabische Online-Tagebuch Daftar von Nedim Kufi, aus dem Screenshots vergrößert und zu einer Schriftrolle zusammengefügt wurden, bekommt aufgrund seiner Unlesbarkeit für Sprachunkundige einen kalligrafischen Effekt, der wohl beabsichtigt ist.

Das sind aber allenfalls Kompensationen für das prinzipielle Problem einer Ausstellung dieses Zuschnitts: Die Filme und Videos, die das Gros der Beiträge bilden, haben insgesamt eine Dauer, die ein mehrtägiges Verweilen in den KunstWerken notwendig machen würde.

Catherine David zeigt in den drei Sichtungsboxen und auf den zahlreichen Monitoren eine Retrospektive dessen, was aus dem Irak in der jüngeren Zeit audiovisuell zu bekommen war. Darunter ist auch ein so problematischer Film wie Underexposure von Oday Rasheed, der Versuch der neorealistischen Begründung eines irakischen Kinos aus den Materialresten der ehemals staatlichen Behörden. Unterbelichtung - Underexposure - kann als Reaktion auf einen "Overkill" an medialer Bildproduktion aus dem Irak begriffen werden.

Der Unterschied zwischen Nachrichtenbild und Filmbild ist konstitutiv. Dem Kino wird - gegenüber dem Fernsehen - eine Wahrheitsfunktion zugeschrieben, von der auch Davids Ausstellung noch zehrt. Hier soll das sichtbar werden, wofür die Massenmedien gewöhnlich keine Zeit haben.

Die Ausstellung rechnet nun im Gegenteil mit einer potenziell unendlichen Zeit, denn bei aller Relevanz im Detail kommt The Iraqi Equation über eine flüchtige Skizze nicht hinaus. Einmal mehr entsteht der Eindruck, dass der Kunstbetrieb ein Defizit der politischen Öffentlichkeit zu beheben versucht.

Der Irak in The Iraqi Equation ist eine labyrinthische kulturelle Konstruktion, überwölbt von einem idealisierten Arabien und zerfallen in individuelle Projekte, deren Implikationen nicht weit genug ausgeleuchtet werden. Die Schwierigkeiten der Kommunikation über ein Land, auf das die ganze Welt schaut, ohne dass sie von dort ausreichend etwas zu sehen bekommt, werden in den Kunst-Werken unwillkürlich zum eigentlichen Gegenstand der Ausstellung. Der Optimismus der Darstellung, der in Da- vids Patchwork-Strategie aufscheint, wird durch den Gesamteindruck widerlegt. Der Irak bleibt ein leerer Raum in einer vollgeräumten Halle. (DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.12.2005)

Von Bert Rebhandl aus Berlin

"The Iraqi Equation" in den Berliner KunstWerken
bis 26. Februar
  • "Black Oil Convoy. Iraqi Border, 2002" - auch Dokumentararbeiten von Claudia Zanfi und Gianmaria Conti sind in der Ausstellung "The Iraqi Equation" in den Berliner KunstWerken zu sehen.
    foto: amazelab

    "Black Oil Convoy. Iraqi Border, 2002" - auch Dokumentararbeiten von Claudia Zanfi und Gianmaria Conti sind in der Ausstellung "The Iraqi Equation" in den Berliner KunstWerken zu sehen.

Share if you care.