Jakobsmuscheln auf Gschistigschasti

25. Dezember 2005, 10:13
4 Postings

Erdäpfelgulasch statt Tiefkühlpizza! Christine Nöstlinger gibt die Hoffnung nicht auf

Seit geraumer Zeit wogt eine Edelfresswelle durchs Land und reißt zunehmend Bürger mit sich, die selig genießend auf ihr surfen und emsig Nahrungsaufnahme auf Topniveau zelebrieren. Soweit es um außerhäusliche Tafeln oberer Einkommensbezieher geht, wird das wohl stimmen. Heutzutage werden in Luxus-Fresstempeln ohne mit einer einzigen Wimper zu zucken, gewaltig viele Euroscheine unter diskrete Servietten geschoben. "Fein essen gehen" ist für viele, die es sich leisten können, so etwas wie ein Akt der Gaumenhochkultur, und jegliche Hochkultur hat halt ihren Preis.

Aber dass diese Gaumenhochkultur auch im Do-it-yourself-Verfahren in den einheimischen Küchen Alltag geworden ist, lasse ich mir nicht einreden, obwohl Vertreter dieser Meinung jede Menge Indizien dafür vorbringen können. In Trafiken nehmen Kochjournale bereits mehr Platz ein als Nuditäten-Heftln, eine durchschnittliche Buchhandlung hat dreimal so viele Kochbücher auf Lager wie Krimis, keine Zeitung kommt ohne Kuchl-Kolumne aus, und im Fernsehen wird auf Teufel komm raus gekocht.

Andererseits gibt es aber in meinem gar nicht kleinen Freundeskreis außer dem meinen bloß einen einzigen Haushalt, in dem regelmäßig gekocht und bewirtet wird. Alle anderen ernähren sich, je nach Einkommenslage, in Beiseln und Restaurants, mampfen zwischendurch Jogurt mit Geschmack, Brot mit irgendwas drauf, tauen TK-Pizzas auf und sieden Frankfurter. Für Gäste zu kochen würden sie selbst bei Strafe ablehnen; was auch gut ist, weil ihre diesbezüglichen Fähigkeiten gleich null sind und die Gäste ein chronisches Magenleiden vorschützen müssten, um sich kein akutes zuzuziehen.

Menschen, die daheim gut und gern kochen, gibt es immer noch, aber da handelt es sich um die kleine Minderheit derer, die Kochen zum Hobby gemacht haben. Möglicherweise wird es bald so sein, dass nur noch diese Minderheit die Qualität einer Speise beurteilen kann. Wer mit Packerlsuppe, Backrohr-Pommes, Fischstäbchen und Instant-Kaiserschmarrn groß und fett wird, hat nämlich keine Chance, sich einen feinen Gaumen anzutrainieren. Der errät höchstens in Blindverkostungen, von welcher Firma der ihm vorgesetzte Convenience-Fraß kommt. So jemandem ist gutes Essen nicht nur unbekannt, so jemand lehnt gutes Essen angewidert ab. Vor Fisch mit "glasigem Kern" und "rosa gebratenem Fleisch" graust ihm und weiße Trüffel stinken ihm.

Entspricht mein Kuchl-Befund der Realität, erhebt sich die Frage, warum es diesen gigantischen Boom bei Kochliteratur und TV-Kochsendungen gibt. Ich vermute: Kochbücher und Kochjournale sind Bilderbücher für Erwachsene, und Fernseh-Kochsendungen sind Gaumen-Tele-Novelas. Genauso wie man weiß, dass Julias Wege zum Glück nichts mit dem wirklichen Leben zu tun haben, weiß man auch, dass man nicht nachkochen wird, was man sich im Kochbuch oder im Fernsehen anschaut. Der ganze mediale Koch-Schnickschnack ist keine "Anleitung", sondern ein Kuchl-Märchen, und die Jakobsmuscheln, der 15 Jahre gelagerte Balsamico und das Rumpsteak vom Atter-Ochsen sind für die Betrachter so lebensfern wie die bittersüßen Liebeswirrungen der Tele-Novela-Heldin auf Schloss Gschistigschasti. Doch gerade das Lebensferne flutscht allen Zu-kurz-Gekommenen - die sind die Mehrheit - wie Honigseim ins Gemüt.

Aber wo es Sehnsucht gibt, besteht Hoffnung, und von der lasse ich nicht. Könnte doch sein, dass sich demnächst ein paar Placebo-Konsumierer an einem Erdäpfelgulasch versuchen, damit zufriedener sind als mit ihrer Packerl-Buchstabensuppe und sich hierauf in ein nährendes Hobby einleben. Von den Niederungen eines gelungenen Erdäpfelgulaschs führt ein zwar langer, aber geradliniger Weg zu den Höhen des Do-it-yourself-Gaumengenusses. Und wenn es einmal so weit ist, werden die Luxus-Fresswelle-Surfer, die in Inlokalen für viel Geld nicht immer beste Qualität auf die Teller bekommen, frustriert ihre strohtrockenen Perlhuhnbrüsterln beäugen und einander seufzend bekunden, dass es das "einfache Volk" - ungerechterweise schon wieder einmal - besser getroffen hat als sie. (Der Standard, Printausgabe 17./18.12.2005)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.