Rafik Schami: "Eine Hand voller Sterne"

16. Dezember 2005, 20:01
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Eine Coming-of-Age-Geschichte mit der Fabulierlust aus Tausendundeine Nacht, aber auch ein politisches Buch

Er ist nur ein Bäckerjunge aus Damaskus, aber was heißt hier "nur". Denn Herkunft ist nicht alles. Sein Vater, natürlich, möchte ihn am liebsten fest in seinem Betrieb halten, so würde er die Kosten für einen Lehrling sparen, und was der Sohn, findet er, mit seinen 14 Jahren jetzt noch auf der Schule lernt, ist unnötig, überflüssig und ein Luxus, den sich eine Bäckersfamilie nicht leisten kann und auch nicht leisten braucht.

Aber da hat der Vater die Rechnung ohne seinen Sohn gemacht. Denn dieser ist nicht nur verdammt schlau (er ist Klassenbester), sondern hat auch ein abenteuerliches Herz, eine blühende poetische Fantasie und einen ebenso entschiedenen wie menschenfreundlichen Eigensinn. Und dass er sein Leben nicht in der Hitze der Backstube verbringen wird, das weiß er ganz genau.

Wenn wir Leser diesen aufgeweckten Knaben kennen lernen, ist er vierzehn Jahre alt und beschließt, ein Tagebuch zu führen. Am Ende von Rafik Schamis Buch Eine Hand voller Sterne ist sein Held 17 Jahre alt und hat eine beachtliche Entwicklung durchgemacht. Wenn es nicht zu pathetisch klänge, würde man sagen: Er ist zum Mann gereift und hat in diesen drei Jahren - sein Tagebuch zeigt es - viel Weisheit und manche Lebenseinsicht gewonnen.

Wir schauen ihm bei seinen Tagebucheinträgen so gerne über die Schulter, weil er sich darin als sehr Anteil nehmender, durchaus auch ein wenig schriftstellernder Erzähler zeigt. Eine Hand voller Sterne ist eine Coming-of-Age-Geschichte mit der Fabulierlust aus Tausendundeine Nacht. Es ist aber auch ein politisches Buch, denn alle seine Geschichten führen immer wieder in die Gegenwart und Wirklichkeit eines Syriens zurück, wo ein Militärputsch den anderen jagt und die Schnüffler vom Geheimdienst in regelmäßigen Abständen das Bild eines neuen Diktators und Staatspräsidenten an die Wand hängen müssen.

Dieses Syrien leidet unter politischer Repression. Zugleich aber wird die Gesellschaft vor allem bei der jungen Generation - das Buch dürfte in den Sechzigerjahren spielen - von einer enormen Dynamik und Lebensgier beherrscht.

Ein Wunsch nach Veränderung, ein Geist von Moderne hat die jungen, idealistischen Menschen erfasst. Doch überall stoßen sie in Form von Folter, Verfolgung, Propaganda und Zensur an die unerbittlichen Mauern des Unrechtsregimes. All das erfährt der Leser auf eine beiläufige Art, ohne dass es unser junger Diarist je explizit sagte.

Rafik Schami, 1946 in Damaskus geboren, lebt seit 1971 in Deutschland. Er hat sich der politischen Unterdrückung durch Exil entzogen. Der junge Held seines Buches will Journalist werden. Das ist nicht ungefährlich. Vor allem dann, wenn man den Mächtigen nicht nach dem Munde reden will. Und weil es ihm an Mut nicht mangelt, geht er in den Untergrund und bringt eine subversive Zeitung, die so genannte "Sockenzeitung", heraus. Von welchen guten Mächten er dabei wunderbar geborgen wird, auch das erzählt dieses schöne Buch. (DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.12.2005)

Von Ijoma Mangold
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    foto: süddeutsche junge bibliothek
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