"Tibet Revisited": 28 Aufnahmen aus einem besetzten Land

16. Dezember 2005, 20:20
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Manfred Neuwirths formal strenges und zugleich ungemein beredtes Filmdokument "Tibet Revisited" im Kino

Wien - Wenn einer eine Reise tut, dann erzählt er nachher meist bevorzugt über sich selbst. In den Berichten danach und in den Bilddokumenten, die dann gezeigt werden, geht es ja meist weniger um das, was war oder ist, sondern wie und warum der Reisende in seiner spezifischen Befindlichkeit etwas wahrgenommen hat. Der Wiener Videomacher Manfred Neuwirth weiß um solche Beschränktheiten, erst recht, wenn es um ein Land geht, das derart inständig romantisch interpretiert und gutmenschenhaft hochstilisiert wird wie Tibet.

Den gängigen Breitwand-Diavorträgen mit nachfolgender Dalai-Lama-Lektüre hält Neuwirth, der vor zehn Jahren schon Tibetische Erinneruingen filmte, nun ein formal strenges und zugleich ungemein beredtes Dokument entgegen. Tibet Revisited - 28 weit gehend statische Einstellungen in der Länge von jeweils etwa drei Minuten: spielende Kinder, eine Rollschuhbahn, ein Stadttor, und am Ende eine Fahrt in einem trügerisch verwechselbaren Nirgendwo. Wobei drei Minuten Dauer pro Aufnahme länger klingt, als es tatsächlich ist. Im Detailreichtum der einzelnen Bilder und der mit ihnen einhergehenden O-Töne muss man sich erst einmal orientieren - und weiß am Ende doch nicht "Bescheid", erst recht nicht vor dem Hintergrund, den Neuwirth wortkarg vorgab, als er heuer bei der Diagonale sagte: "Dies ist ein Film aus einem besetzten Land."

Tibet Revisited wird insofern weniger zur Analyse eines prekären politischen und sozialen Spannungsfeldes als vielmehr zu einer Einübung in eine genauere Wahrnehmung. Ein grandioser kleiner Film, der im "Fremden", Undurchschaubaren zeigt, welche Klischees man nicht zuletzt auch für Beschreibungen des Eigenen strapaziert. Neuwirth vermeidet die schicken Bildmitbringsel aus der Ferne ebenso wie die überhebliche Expertise und Weltdeutung, die bei Bombast-Dokus wie Michael Glawoggers Workingman's Death irritieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.12.2005)

Von Claus Philipp
  • Artikelbild
    foto: diagonale 2005
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