Das bissl Fressen

19. Dezember 2005, 12:42
11 Postings

Völlern war nie risikolos, wie die Vertreibung aus dem Paradies beweist. Aber verdient dieser Ort seinen Namen, wenn man nicht von allen Früchten essen darf, fragt sich Samo Kobenter

Katholisch betrachtet nimmt sich die Sache mit der Völlerei recht einfach aus: Wer ihr Zeit seines Lebens obliegt, ohne vor seinem Hinüberwachsen in die bessere Welt ernsthaft zu bereuen, begeht eine der sieben Todsünden und wird, so er glaubt, erkennen, dass er in der Welt drüben um einiges schlechter dran ist als in der soeben verlassenen. Der raffinierte Saldo der christlichen Sündenrechnung suggeriert noch größeres Ungemach: Wer es sich hier zu gut gehen ließ, wird es dort umso bitterer haben. Und zwar in alle Ewigkeit. Denn auf die unvergebene Todsünde folgt konsequenterweise die Höllenqual, die man sich zu Lebzeiten üblicherweise zu ersparen versucht. Vom theologischen Standpunkt empfiehlt sich dem frommen Sünder also, vor dem unvermeidbaren Abgang nicht zu getrüffelter Foie gras, sondern zu jenem weißen, selig machenden Stück gepresster Oblate zu greifen. Kulinarisch gesehen liegt sie auch nicht so schwer im Magen, aber das ist dann wirklich nur noch die allerletzte Sorge.

Fromme und Frevler

In der Kunst hat die Frommen und die Frevler zu allen Zeiten wenig mehr fasziniert als die Darstellung von Stolz, Geiz, Neid, Zorn, Wollust, Völlerei und Trägheit. Dabei sei hier weniger an die explizite Aufzählung und Zusammenschau von Hieronymus Bosch bis Otto Dix gedacht, die in schaurig-schönen Bildern ja auch wieder einen der fünften Todsünde sehr verwandten Schauer erzeugen. Vielmehr sei auf die raffinierten Tableaus der alten Meister verwiesen, die im Grunde nichts anderes als eine subtile Anleitung zum Glücklichsein auf Erden und also zum Sündigen darstellen - und seltsamerweise gar zu gern von hohen geistlichen Herren bestellt und gesammelt wurden.

Um bei der Völlerei zu bleiben: Die rosigen Schinken des großen Flunkerers Peter Paul Rubens können ja wohl kaum als Ausdruck einsiedlerischen Fastens durchgehen, die blauen Schatten im glänzenden Speck der Schenkel üppiger Damen - ach, Doderer Heimito, was musst du gelitten haben unter deiner biografisch bedingten Verschleppung in magerere Zeiten - künden von einer heiteren Welt, der Zellulite aber so etwas von wurst war. Bloß um geschlechtergerecht zu bleiben: der Waschbrettbauch auch, und was die Athleten Michelangelos auf die Waage brachten, würde heute in jedem Fitness-Club als fortgeschrittene Verfettung registriert und einem unerbittlichen Verbrennungstraining unterworfen werden.

Sichtbare Folgen

Die Völlerei, respektive ihre sichtbaren Folgen, war also anders definiert, unschuldiger vielleicht: Ein dünner Hering war ein dünner Hering und detto eine arme Sau. Wer sich's leisten konnte, fraß, dass die Schwarte krachte und wusste von Herzverfettung und üblem Cholesterin nichts, bis ihn eben die vorbestimmte Stunde ereilte. Mit dem Versprechen, jeder Bürger werde sein Huhn im Topf haben, konnte man als Volkskönig Unsterblichkeit erringen wie Heinrich IV., und wie es ihm die Untertanen dankten, zeigt ein Blick in die regionalen Kochtöpfe seiner Zeit: Das Perigord war berühmt für seine getrüffelten Puten, Toulouse für die Gänselebern, Rebhuhnpasteten kamen aus Nérac, Troyes war für Wildschweinkopfsülzen berühmt, Dombes für Schnepfen, in Caux wuchsen die fettesten Kapaune, und die Schweinereien kamen aus Straßburg und Bayonne. Wenn Charles de Gaulle Jahrhunderte später seufzen sollte, es sei unmöglich, ein Volk zu regieren, das über 400 Käsesorten produziere, so ahnte er vielleicht doch, dass Frankreichs frühe Staatswerdung auch ein bisschen dem feinen Gaumen seiner Landsleute - ganz zu schweigen von ihren robusten Mägen - zu verdanken war.

Die Frage freilich, wie sie verteilt war, die Völlerei, wer sich's leisten konnte und wer darbte, steht auf einem anderen Blatt. Bloß so schwarz-weiß, wie es uns die profane Überlieferung eingebläut hat, dass nämlich über dunkle Jahrhunderte hinweg wenige völlerten und der Rest darbte, scheint die Geschichte nicht gewesen zu sein. Fernand Braudel zitiert Quellen, die ein differenzierteres Bild zeigen, in dem Perioden relativ breit gestreuten Wohlstandes und üppiger Speisetafeln von kargeren abgelöst werden, die meist die Folge kriegerischer Auseinandersetzungen oder Naturkatastrophen sind. In den Marktberichten von Orleans findet sich über lange Zeit, von 1391 bis 1561, ein Angebot, dessen fantastische Vielfalt heute nirgends mehr auf der Welt erreicht wird.

Fleischberge

Ähnlich üppig sind die Märkte im Venedig des 16. Jahrhunderts bestückt, das von der Pest sich nur langsam erholende, menschenleer gewordene Europa sitzt auf wahren Fleischbergen: "Da es hier so wenige Ochsen gibt, hat der König befohlen, jede Woche hundert Hirsche und zwanzig Wildschweine in die Stadt zu bringen, um die Menschen zu ernähren", schreibt die Gazette de France vom 9. Mai 1763 aus Berlin. In Paris bildet 1557 "Schweinefleisch die gewohnte Nahrung der armen, der wirklich armen Leute, während jeder Kaufmann und Handwerker, so kärglich sein Auskommen auch sein mag, an den Fleischtagen, genau wie die Reichen, Zicklein oder Rebhuhn essen will." Wie die großen Hungersnöte im Irland des 19. Jahrhunderts drastisch vor Augen führten, galt in Europa, was auch heute noch gilt und mit den Hungerbildern aus der Dritten Welt immer nur blitzlichtartig in Erinnerung gerufen wird: Der Lebensstandard ergibt sich aus dem Verhältnis zwischen Bevölkerungszahl und verfügbaren Ressourcen.

Heute ist nur noch peripher bewusst, wie wenig es braucht, um dieses Verhältnis in Überfluss oder Not kippen zu lassen. Die Fotos der Großeltern als Kinder der Zwischenkriegszeit, in der Auszehrung und Tuberkulose die Wiener Krankheiten genannt wurden, passen nicht recht zu den Porträts derselben Leute, die sich, wenn sie es erlebten, in Wirtschaftswunderzeiten endlich einen stolzen Wanst anvöllern konnten. Oder passen sie doch und versöhnen gerade heute, wo sich unsere erschöpfte Lust an immer härteren Kitzeln hochzuziehen sucht, mit dem altmodischen Laster? Das bisserl Fressen, möchte man meinen, kann doch kaum als Dekadenz gelten, es sei denn, es wäre so groß wie im gleichnamigen Film und würde mit dem Vorsatz unternommen, damit genau das natürliche Gegenteil seines Zweckes zu erreichen. Andererseits war das Völlern noch nie ein risikoloses Spiel, wie die Vertreibung aus dem Paradies beweist, wobei ein gläubiger Heide die Frage aufwerfen könnte, ob ein solcher Ort seinen Namen überhaupt verdient, wenn man nicht von allen Früchten essen darf, so viel man will und kann. (Der Standard, Printausgabe 17./18.12.2005)

  • Familie Brown, Australien
Foto: Peter Menzel, So isst die Welt, GEO im Verlag Gruner +Jahr
    aus dem buch: so isst die welt

    Familie Brown, Australien
    Foto: Peter Menzel, So isst die Welt, GEO im Verlag Gruner +Jahr

Share if you care.