Radikaler Angriff auf die graue Substanz

23. Dezember 2005, 20:16
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Wiener Hirnforscher überraschen die Fachwelt mit neuen Erkenntnissen über die Multiple Sklerose

Bisher meinte man, dass im so genannten progredienten Stadium der Multiplen Sklerose (MS) die gleichen zerstörerischen Mechanismen an der Arbeit sind wie in der Entwicklungsstufe davor. Eine aktuelle Studie des Wiener Zentrums für Hirnforschung zeigt jedoch, dass dem nicht so ist: Ist die MS progredient geworden, setzt auch eine neue, zusätzliche Form der Nervenschädigung ein. Ihre Effekte reichen bis in die tiefen Kerngebiete des Gehirns.

"Als Nächstes müssen wir erforschen, welche Entzündungszellen die Veränderung im Gehirn bewirken, die wir entdeckt haben. Sind es die gleichen, die die Entzündungsschäden im frühen Stadium der Multiplen Sklerose bewirken? Oder haben wir es hier mit anderen Zellpopulationen zu tun? Außerdem werden im Zuge dieser Entzündungsreaktionen Entzündungsmediatoren freigesetzt, die die Nervenzellen schädigen. Ist es richtig, dass Sauerstoff- und Stickoxid-Radikale diese Mediatoren sind?" - Hans Lassmann, Leiter der Abteilung Neuroimmunologie am Wiener Zentrum für Hirnforschung (Medizinuniversität Wien), ist schon bei seinem nächsten Forschungsvorhaben. Dabei ist das, was sein eben beendetes, vom Wissenschaftsfonds gefördertes Projekt "Kortikale MS-Läsionen: Korrelat der Krankheitsprogression?" zutage gefördert hat, schon spannend genug: Offensichtlich führen zwei verschiedene Entzündungsreaktionen zu dem, was heute als "schubhaft remittierendes Stadium" der Multiplen Sklerose und als "progrediente" Phase derselben bezeichnet wird. Womit die gängige Vorstellung von dem, was MS gleichsam ausmacht, wohl der Vergangenheit angehören dürfte.

Um zu verstehen, worin der Neuwert der von Lassmann und seinem Team gemachten Entdeckung liegt, muss man sich einmal vergegenwärtigen, wie die Multiple Sklerose heute beschrieben wird. Klarerweise als eine Erkrankung des Zentralnervensystems und Gehirns, bei der körpereigene Abwehrzellen die Myelinschicht der Nervenfasern, also deren Isolierung, zu zerstören beginnen. Zum Bild der Multiplen Sklerose gehört aber auch, dass sie in zwei Phasen verläuft, die sich zumindest von ihren Ursachen her ähnlich sind: Im schubförmig remittierenden Stadium hat der Patient immer wieder neue Krankheitsschübe, die sich nicht vorhersagen lassen und die von einigen Tagen bis hin zu einigen Wochen dauern können. Neue Krankheitsherde entstehen dabei in der so genannten weißen Substanz, das heißt überall dort, wo die von besagter Myelinschicht umgebenen Nervenfasern verlaufen. Schädigungen dieser Schicht sind die Folge, die sich allerdings zurückbilden können - auch wenn, wie Hans Lassmann betont, "Restdefizite" bleiben.

Anders sieht es im progredienten Stadium der MS aus, das meist nach zehn Jahren eintritt: An die Stelle von Schüben und Rückbildungen tritt eine kontinuierliche Verschlechterung der Krankheit, die jedoch ebenfalls mit neuen oder wie man auch sagt: "fokalen" Krankheitsherden in der weißen Substanz des Zentralnervensystems und Gehirns in Verbindung gebracht wird. Zu diesen fokalen Herden kommt es dabei deshalb, weil "frische Wellen von Entzündungszellen aus dem peripheren Abwehrsystem in das Zentralnervensystem eindringen und dort eben die Myelinschicht zu attackieren beginnen", wie Lassmann den ablaufen Prozess erklärt. Mit anderen Worten: Abwehrzellen des Immunsystems werden aus den äußeren Kompartimenten des Körpers - zum Beispiel aus dem Blut - in das Rückenmark und Gehirn eingespült, dessen Eiweißmoleküle dann jedoch als Fremdkörper missinterpretiert und folglich angegriffen werden - "weshalb man MS auch als eine Autoimmunerkrankung betrachtet". Auf dieser Krankheitslogik beruhte de facto die gesamte bisherige Behandlung der Multiplen Sklerose. Man versuchte, mittels Dämpfung oder differenzierender Modulation des Immunsystems die Entzündungsreaktionen zu blockieren. Allerdings haben die auf dieser theoretischen Basis entwickelten Therapien ein gravierendes Problem: Eine effiziente Wirkung zeigen sie nur im frühen Stadium der MS; ist die Multiple Sklerose einmal progredient geworden, lässt sich mit der differenzierenden Modulierung nicht mehr viel anfangen.

Das ist jetzt aber nicht nur als Zeichen dafür zu interpretieren, dass die bestehende Behandlungsmethode noch weiter verfeinert werden muss. Ebenso kann man dieses Versagen des Modulierungsansatzes dahingehend verstehen, dass das MS-Modell, das ihm zugrunde liegt, falsch ist. Was, wie Lassmann darstellt, wohl auch der tatsächliche Hintergrund dieses Therapieproblems ist: "Durch die Untersuchungen der Gehirne von MS-Patienten mit modernen Kernspin-Tomografen ist deutlich geworden, dass das, was uns der Tomograf zeigt, nicht zu dem passt, was unsere Beschreibungsmodelle über die Krankheit aussagen." Denn laut Lassmann kommen augenscheinlich keine neuen fokalen Entzündungsherde im Gehirn hinzu, während die MS im progredienten Stadium immer stärker wird. "Was ein Indiz dafür ist, dass in diesem zweiten Stadium die Entzündungsprozesse andere sind als in der schubförmig remittierenden Phase." Genau hier setzte deshalb Lassmanns Forschung an - und führte zu einem überraschenden Ergebnis: Zwar findet im ersten Stadium sehr wohl das statt, was die Forschung in den vergangenen Jahren immer betont hat (das heißt: Wellen von Entzündungszellen dringen aus dem peripheren Blut in das Gehirn ein und schädigen die weiße Substanz), doch im progredienten Stadium kommt zu diesen klassischen Entzündungsprozessen noch ein anderer hinzu.

"Interessanterweise erfolgt eine langsame Besiedelung des Gehirns mit Entzündungszellen, die ganz kontinuierlich Entzündungsmediatoren ausschütten, die auf das Gehirn toxisch wirken", erläutert Lassmann. Durch diesen zweiten Krankheitsmechanismus wird nun auch die graue Substanz des Gehirns, mithin die Gehirnrinde, geschädigt, ja: "Die Effekte dieses Mechanismus reichen sogar bis in die tiefen so genannten Kerngebiete des Gehirns."

Wobei das genaue Funktionieren dieses zweiten Entzündungsprozesses noch nicht ganz geklärt ist. "Weder wissen wir, ob die gleichen Entzündungszellen wie im schubförmigen MS-Stadium an der Arbeit sind, noch können wir sagen, um welche Stoffe es sich bei den Entzündungsmediatoren handelt." Wobei es Lassmanns Darstellung zufolge allerdings für diese Entzündungsmediatoren zwei heiße Kandidaten gibt, nämlich die anfangs schon genannten Sauerstoff- und Stickoxid-Radikale. Ob das zutrifft, will Lassmann eben demnächst in einem neuen Projekt genauer erforschen; vorerst bleibt das aber noch ungeklärt. (Christian Eigner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18. 12. 2005)

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