Partnerbörse für Leser

17. Dezember 2005, 14:00
6 Postings

Die Internet- Buchgemeinschaft readme.cc - Alternative zur professionellen Literaturkritik

Wien - Der Befund ist nicht neu, aber immer noch gültig: Die Literaturkritik, wie wir sie kennen, siecht vor sich hin. Nicht nur, was ihr kritisches Potenzial anlangt. Auch der Hinweis auf ihre Qualifizierung als Wegweiser im immer dichteren Bücherdschungel, mit dem sie in den vergangenen Jahren oft gerechtfertigt wurde, will nicht mehr so ganz ziehen. Denn: Die verkaufsfördernde Wirkung auch ausdrücklich positiver Rezensionen in exponierter Lage tendiert eher gegen null.

Gleichzeitig erlangte rund ums Millennium die Kritik im Internet zunehmend an Bedeutung. Klick und kauf: Der Handel mit Büchern übers Netz floriert. Parallel entstand erst in den USA, langsam aber auch in Europa ein Netz an Onlinemagazinen mit Besprechungen belletristischer Neuerscheinungen.

Inhaltlich gibt man es hier in der Regel zwar etwas billiger als im Feuilleton, dafür werden die Empfehlungen vom Leser stärker angenommen. Ein hier mit innovativen Mitteln ansetzendes Projekt ist readme.cc, eine virtuelle Bibliothek und Buchgemeinschaft mit österreichischem Nebenwohnsitz.

"Es geht um einen Brückenschlag zwischen Expertise und Demokratie", sagt der niederösterreichische Autor Walter Grond über den Anspruch der Webpräsenz, die er mitbegründet hat. "Das Einbetten von Expertise in einen vielstimmigen Chor von Lieblingslektüren entspricht meiner Ansicht ziemlich genau dem, was da heute einmal zu leisten wäre."

Konkret hat Grond gemeinsam mit seinem Schweizer Kollegen Beat Mazenauer, mit dem er zuvor in einigen Büchern und auf Websites bereits den Einfluss des Internets auf das Schreiben untersucht hat, eine Onlineplattform für Leser aus der Taufe gehoben. readme besteht im Kern aus zwei Gedanken: Erstens sollen Buchtipps vermittelt werden, zweitens sollen sich die Menschen, die diese Tipps verfassen, auch kennen lernen.

Lieblingsbücher

Und diese Menschen müssen bei readme keine professionellen Zeilenschinder sein. Zwar finden sich auch Einträge von Autoren und Kritikern wie Jürgen Benvenuti, Kirstin Breitenfellner oder Klaus Zeyringer. Im Mittelpunkt steht jedoch ausdrücklich der nicht professionelle, aber leidenschaftliche Leser, der anderen Interessierten seine Lieblingsbücher ans Herz legt.

Oder sich umsieht, denn neben dem Verfassen von Tipps lassen sich natürlich auch die Empfehlungen anderer Beiträger einsehen. Apropos sehen: Das Interesse an Büchern wird auf readme.cc nicht zuletzt visuell erregt. Jeder Buchtipp erscheint samt Foto, auf dem der Verfasser mit dem jeweiligen Schmöker in der Hand (oder vor dem Kopf) posiert. Wer keine Digitalkamera besitzt und dennoch mitmachen möchte, kann sich auch vor einem so genannten Fotobot, einer Internet-Porträtmaschine, selbst inszenieren.

In Wien steht im MuseumsQuartier ein solches Gerät. Andere Fotobots sind über halb Europa verstreut. In den vergangenen Monaten eröffnete readme kleine Außenstellen in Székesfehervár (Ungarn), Paris und Luzern. Schließlich versteht sich die virtuelle Bibliothek als eine grenzenlose, zumindest aber europäische Unternehmung. Die Texte sind deshalb nicht nur in deutscher Sprache, sondern auch auf Englisch, Französisch und Ungarisch abrufbar.

Im realen Raum

Zum besseren Verständnis der virtuellen Buchgemeinde soll auch die Software beitragen. Über ein Programm werden aufgrund von literarischen Vorlieben Verwandtschaften zwischen den Lesern generiert. Grond über die Philosophie dahinter: "Dass es Lesetipps gibt, ist das eine. Für mich das noch Wesentlichere ist der Community-Gedanke: Salopp gesagt ist readme.cc eine Partnerbörse für Leser."

Ehen wurden über readme bislang noch keine gestiftet, aber schon so manche Bekanntschaft. Überhaupt sind sowohl die Zahl der Nutzer mit gut 500 Personen als auch die Inhalte mit gut 700 Empfehlungen bislang recht überschaubar. Aber die Gemeinschaft wächst. Weil sich übers Internet jedoch schlecht bei einem Bier reden lässt, findet readme zunehmend auch im realen Raum statt.

Seit Juni treffen sich im MuseumsQuartier einmal im Monat readme-Bewohner, um einem Mitglied ihrer Gemeinschaft beim Vorlesen aus seinen Lieblingsbüchern zu lauschen. Diesen Sonntag ist Eva Umbauer von FM4 und Ö1 an der Reihe. (DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.12.2005)

Von Sebastian Fasthuber

Readme-Abend am Sonntag, 18. 12., um 19 Uhr im MuseumsQuartier
quartier21
5uper.net Cuisine Digitale
7., Museumsplatz 1
Readme.cc
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.