"Wir hassen Ungarn, Kroaten und Muslime"

22. Dezember 2005, 18:23
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In der multiethnischen Vojvodina haben rechtsradikale Gruppen regen Zulauf - Mit Infografik

"Wir verdreschen Zigeuner, wir hassen Ungarn, Kroaten, Muslime und Juden", sagt der 22-jährige Nemanja. Er ist ein Skinhead und ein Serbe. Seine Helden sind die vom UNO-Tribunal wegen Kriegsverbrechen gesuchten Radovan Karadzic und Ratko Mladic, "weil sie für das Serbentum gekämpft haben". Und Adolf Hitler, weil er die "jüdische Weltverschwörung" durchschaut habe.

Juden kennt er zwar keine, aber er "weiß", dass sie Amerika gegen Serbien "aufgehetzt" hätten. Der ungarischen Minderheit will er zeigen "wo es langgeht", nämlich dass "Serbien Serben" gehört. Er ist aus Novi Sad, der Hauptstadt der multiethnischen Provinz Vojvodina. Nemanja ist einer von 75 Prozent der Jugendlichen, die nie im Ausland waren und ihre Zukunftsaussichten als hoffnungslos bezeichnen.

"Blut und Ehre"

Über 50 Prozent sind arbeitslos und wohnen bei ihren Eltern. Vor allem in der Vojvodina treten immer mehr rechtsradikalen Organisationen bei. In Serbien gibt es trotzdem keine Institution, die sich mit Jugendlichen befasst. Vielleicht haben auch deshalb rund 400.000 junge Menschen das Land verlassen.

Leute wie Nemanja gebe es überall, meinen Soziologen, spezifisch für Serbien jedoch sei, dass rechtsradikale Gruppen die Randerscheinung einer Gesellschaft sind, die eine Konfrontation mit der eigenen "Blut und Boden"-Ideologie und der kriegshetzerischen Politik von Slobodan Milosevic insgesamt verweigert.

Die ultranationalistischen "Serbischen Radikalen" (SRS) sind politisch rehabilitiert und mit über dreißig Prozent die mit Abstand stärkste Partei in Serbien. Erst unlängst hat das Innenministerium "neonazistische, chauvinistische, rassistische und antisemitische" Organisationen in der Vojvodina aufgelistet: "Nationale Marschkolonne", "Blut und Ehre" "Rassistische Nationalisten" und Skinheads. Allesamt seien sie "antiwestlich" orientiert, heißt es im Polizeibericht. Die der serbisch-orthodoxen Kirche nahe stehende Organisation "Obraz" (Wange) wird als "klerikalfaschistisch" beschrieben. Die ungarischen Bewegungen "64 Komitaten" und "Honved" in der Vojvodina werden nicht "ausdrücklich" als neonazistisch bezeichnet.

Verboten wurde bisher keine dieser Gruppen. Literatur wie "Mein Kampf" oder "Die Weisen von Zion" kann man in Buchhandlungen kaufen. In der Belgrader Fußgängerzone "Knez Mihailova" werden T-Shirts mit Mladic und Karadzic verkauft, die ihren Platz auch in serbischen Volksliedern gefunden haben. Aus den Büros der HypoVereinsbank blickt man auf ein riesiges Poster von Milosevic. Im Parlament konnte keine Deklaration zum sechzigsten Jahrestag der UNO verabschiedet werden, weil die SRS die Organisation für den "Zerfall des ehemaligen Jugoslawien" verantwortlich machte und sie beschuldigte, Kosovo Serbien "wegnehmen" zu wollen.

Stopp dem Faschismus", forderten vierzig NGOs. Sie warnten vor "antiwestlicher" Stimmung, die Serbien wieder in internationale Isolation treiben könnte. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18.12.2005)

Von Andrej Ivanji aus Belgrad
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