Amerika – fremd geworden

16. Dezember 2005, 18:40
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Die USA sind trotz allem ein unverzichtbares Aktivum der demokratischen Welt - Kolumne von Hans Rauscher

Vor etwa einem Jahr weilte ein im "White House Communications Office" ziemlich hoch angesiedelter Vertreter der Administration Bush in Österreich. Er sollte sich anhören, was die Österreicher (und die Europäer) so von den USA halten.

Er nahm die Einschätzung "derzeit nicht sehr viel" zur Kenntnis, geriet aber dann in weltanschauliches Feuer und begann zu predigen (er hatte sich selbst als "born-again christian" ausgewiesen wie sein oberster Boss): Das sei ja hier alles sehr schön, diese frisch renovierten Paläste und dieses herrliche Kaffeehaus, in dem am Vormittag zeitungslesende Menschen im arbeitsfähigen Alter herumsitzen, aber Europe sei eben old, die Zukunft sei anderswo, vornehmlich in Asien, aber natürlich auch in den USA, und wir Europäer sollten uns gefälligst am Riemen reißen.

Ich musste ihm teilweise Recht geben, ertappte mich dann aber selbst bei einer Verteidigung des europäischen Sozialstaates und wies diskret darauf hin, dass, alles in allem, etwa ein österreichischer Facharbeiter besser lebt als ein amerikanischer, ja, dass auch der europäische Mittelstand eine eindeutig bessere Lebensqualität hat als der amerikanische.

Ich wies sogar darauf hin, dass die von den USA so angeprangerten Subventionen für den europäischen Raum (nicht für die direkte Agrarproduktion) auch den Sinn hätten, im engen Europa eine schöne Landschaft zu erhalten.

Wir schieden freundlich, aber gegenseitig unüberzeugt. Inzwischen hat sich die Debatte zwischen den USA und Europa noch wesentlich verschärft, Stichwort Irakkrieg und Gefangenenflüge über oder geheime Lager in Europa. Das hat mit der Natur der Präsidentschaft Bush zu tun, die die schlechteste seit Langem sein dürfte.

Aber quasi als Nebenprodukt ist in der politisch-intellektuellen Debatte doch klarer geworden, dass den USA und Europa zwar die Grundwerte der Demokratie und der Marktwirtschaft gemeinsam sind, sich aber zwei verschiedene "Lebensmodelle" herausgebildet haben.

In beiden Fällen sind die jeweiligen Bevölkerungen überzeugt, dass ihres das Richtige ist: der wenig begüterte und sozial äußerst schwach abgesicherte Amerikaner ist überzeugt, dass er auch ohne den Staat alle Chancen hat und den Aufstieg schaffen kann, selbst wenn die Realität der letzten 20 Jahre eine andere ist.

Schließlich hat der Hurrikan "Katrina" gezeigt, dass eine große, verarmte Unterschicht in den USA existiert und der Staat nicht in der Lage und auch nicht sehr willig ist, sie zu unterstützen.

Der recht gut abgesicherte (West-)Europäer will von seinen staatlichen Errungenschaften nichts abgeben, obwohl er merken muss, dass die sozialen Systeme krachen und die industrielle Basis abwandert.

Aber auch das US-Modell ist gefährdet, weil Schlüsselindustrien wie die Autoproduktion sich soeben auflösen und ein Krieg, der nicht zu gewinnen ist, an den nationalen Ressourcen zehrt. Beide Modelle stehen also unter Druck. Im Fall der USA hat das aber sehr weit reichende Folgen. Die USA können sich ihre Supermachtrolle leisten, weil a) die Sozialsystem so bescheiden sind und b) die wirtschaftliche Basis hält. Sonst ist der Interventionismus der letzten Jahre nicht mehr möglich.

Viele in Europa halten das für äußerst wünschenswert. Aber so abstoßend die Praktiken der Regierung Bush auch sind – die Welt wäre nicht besser, wenn etwa ein sehr selbstbewusstes China keinen starken Gegenpart hätte. Oder ein autoritäres Russland. Oder ein unberechenbarer Iran.

Amerika ist uns mit gutem Grund fremder geworden, aber unter dem Strich hat sich an der Tatsache nichts geändert, dass die USA trotz allem ein unverzichtbares Aktivum der demokratischen Welt sind. (DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.12.2003)

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