Die Musikindustrie und der Vorarlberger Programmierer

18. Dezember 2005, 15:28
66 Postings

Programm zeigt Text zu den Songs, die gerade am Mac laufen: Das weckte die allseits klagsbereite Musikindustrie - Doch David überzeugte Goliath

Programm zeigt den Text zu den Songs, die gerade am Mac laufen: Das weckte die allseits klagbereite Musikindustrie. Aber David überzeugte Goliath: Statt geklagt zu werden kooperiert der Vorarlberger Programmierer jetzt mit dem Musikkonzern Warner.

Gewinnend

Walter Ritter, 32-jähriger Informatiker aus Dornbirn, ist seit Donnerstag siegreicher David unter den Freeware-Entwicklern. Statt mit der angedrohten Klage reagierte Warner/Chappell Music mit einem Kooperationsangebot auf Ritters unentgeltliche Software "pearLyrics".

Entschuldigung

In einer Aussendung entschuldigte sich Warner/Chappells oberster Boss Richard Blackstone für die Angriffsdrohung und versprach Kooperation "im Sinne der Konsumenten und Musiker". Ein "total überraschter" Walter Ritter: "Es kommt mir alles so vollkommen absurd vor. Ich bin ja nur ein kleiner Software-Entwickler."

Die Vorgeschichte:

Walter Ritter, leidenschaftlicher Usability-Forscher am "Forschungszentrum für nutzerzentrierte Technologien" der Fachhochschule Vorarlberg und Musikfan, entwickelte mit pearLyrics ein einfaches Programm, das den Text zum Lied liefert. Acht Monate lang hat Walter Ritter in seiner Freizeit getüftelt und immer wieder neue Versionen zum Download bereitgestellt. "Ich wollte den Leuten eine Freude machen." Das gelang. Die Mac-Community reagierte begeistert. In einem Macworld-Rating, das im Jänner veröffentlicht wird, landete pearLyrics ganz oben.

Kleines Mac-OSX-Programm

"pearLyrics ist ein kleines Mac-OSX-Programm, das den Songtext oder die Chords (Akkorde) zum gerade in iTunes laufenden Song anzeigt." Die Texte werden entweder direkt aus iTunes geliefert, stammen aus lokal gespeicherten Textdateien oder von öffentlich zugänglichen Webseiten. Gefundene Texte können auch lokal zwischengespeichert werden.

"Zu einfach, um legal zu sein", titelte Ritter auf seiner Web site pearworks.com nach der Klageandrohung. "Ich hab denen sofort zurückgeschrieben und die Software erklärt, weil ich mir gedacht habe, dass sie sicher nur nicht verstanden haben, was die Software tatsächlich macht. Ich wollte keinesfalls irgendwelche Copyrights verletzen." Aus Furcht vor einer Klage nahm er die Software kurz vor Ablauf der gestellten Frist vom Netz.

Enormes Echo

Das Echo auf die Warner-Drohung war "überwältigend". Auf User-Solidarität, die in einem offenen Brief des Anwalts Fred von Lohmann (Electronic Frontier Foundation) an Warner gipfelte, folgte "enormes Medienecho". Die Washington Post rief in Dornbirn an, BBC, US-Fachmedien. Ritter: "Wahrscheinlich hat das den Stimmungswandel bei Warner mit ausgelöst."

Die Gesetze sind für die Großen gemacht und damit innovationsfeindlich"

Noch bleibt pearLyrics offline. "Zuerst will ich wissen, was Warner konkret unter Kooperation versteht." Wie immer die Geschichte ausgehen wird, für Ritter steht fest: "Die kleinen Softwareentwickler leiden unter dem internationalen Gesetzesdschungel. Die Gesetze sind für die Großen gemacht und damit innovationsfeindlich." (Jutta Berger, DER STANDARD Printausgabe, 17. Dezmeber 2005)

  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.