Die Union als ewige Baustelle

19. Dezember 2005, 15:30
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In den Gängen des Brüsseler Lipsius-Gebäudes spielen sich die EU-Gipfel ab

In den Gängen des Brüsseler Lipsius-Gebäudes spielen sich die EU-Gipfel ab. Die Entscheider sitzen unterm Dach, der "Flurfunk" berichtet aus der roten Zone. Es gibt Gerüchte und G'schichterln. Und trotz britischen Rotweins muss es weitergehen – "so oder so"

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Ein Kran, Gatsch, Absperrungen – der Ort, an dem sich die Zukunft Europas entscheidet, ist eine Baustelle. Das "Lipsius", so nennt sich das Ratsgebäude im Euro-Sprech, wird umgebaut. Es ist eigentlich noch neu, aber bereits zu klein für die EU der 25. Erst recht für 27 oder 28 Mitgliedsländer. Um die Szenerie nicht ganz so trist wirken zu lassen, wurden ein paar EU- Flaggen notdürftig auf die Gerüste drapiert. Für Fotografen gibt es kein besseres Symbolbild. Baustelle Europa, Baustelle Budget – um Metaphern muss in Brüssel dieser Tage niemand verlegen sein.

Auf Ebene 50

Dunkle Limousinen fahren vor. Delegationen steigen aus. Silvio Berlusconi kokettiert mit den Kameras, Mikulás Dzurinda trottet hängenden Kopfes ins Lipsius. Unterm Dach, auf Ebene 50, hält Tony Blair Hof. Wer zum Ratspräsidenten will, muss die gelbe, blaue und rote Zone überwinden. Dann sind die wirklich wichtigen Spieler unter sich.

Mit Blair suchen Präsidenten und Regierungschefs einen Ausweg aus dem Finanzstreit. Es gibt Konsultationen und Konvulsionen, Gerüchte und G'schichterln, die ihren Weg über schäbige Teppichböden bis in die Katakomben der Journaille finden. Der Flurfunk funktioniert normalerweise gut, doch diesmal sind die Nachrichten spärlich. Vor allem die Sprecher der britischen Präsidentschaft reden viel, sagen aber nichts.

Ein italienischer TV-Reporter probt in der Lobby seinen Aufsager. "Es bleibt abzuwarten, wie sehr Blair eine Einigung will", berichtet er ein paar Mal dramatisch in seine Fernsehkamera. Gute Frage. Einer aus dem britischen Präsidentschaftstross rückt sich milde lächelnd seine blaue Krawatte zurecht.

Immerhin, es ist zu erfahren, dass sich die EU-Chefs Donnerstagabend an schottischer Fischsuppe, Lammkotelett auf Pilzen, Mürbteigkeksen und britischem Käse zu delektieren hatten. Strafverschärfend wurde Rotwein aus Devon und Weißwein aus Wales ausgeschenkt. Ein Kommentar des diesbezüglich auskunftsfreudigen Jacques Chirac ("Ich habe immer geglaubt, ihr Italiener könnt kochen, aber nicht einmal das stimmt", sagte er etwa 2003) ist nicht überliefert.

Seit zwei Jahren finden die Europäischen Räte nur noch in Brüssel statt. Nachdem der gesamte Tross zuvor halbjährlich auf Sehenswürdigkeitentour durch die Mitgliedstaaten fahren musste, entschieden sich die EU-Granden, die Gipfel in die Hände der Belgier zu legen. Die haben Erfahrung mit der Eurokratie und genügend Gleichmut, sich nicht von Aufregungen aller Art aus der Ruhe bringen zu lassen.

Alarmstufe weiß

Die Schilder vor den Sicherheitszonen zeigen "Alarmstufe weiß" an. Für die innere Krise der EU gibt es keine Alarmfarbskala. Dass es diesmal wirklich ernst ist, demonstrieren die schweigsamen Delegationen mit ihren besorgten Gesichtern. Das Restaurant ist nur mäßig besetzt, keiner mag seinen Platz verlassen. Alle warten, dass etwas passiert. Aber es geschieht lange nichts. In der Union entwickeln sich die Dinge langsam. Manchmal auch gar nicht.

Beim Gipfel von Berlin 1999 brauchte man drei Tage, um über die letzte Finanzvorschau übereinzukommen. In Nizza stritten sich die Staats- und Regierungschefs nächtelang über Verträge, die der allgemeinen Einschätzung nach schlecht sind. Zugrunde ist die Union daran nicht gegangen. "Ach", sagt einer der Portiere im Lipsius, "bis jetzt ist es ja immer noch weitergegangen. So oder so."

Diese Baustelle bleibt eine ewige Baustelle, scheint es. Und vielleicht ist auch gar nichts anderes möglich. Hieße es bei einem Gipfel einmal, die EU sei saniert, dann ist sie vielleicht tatsächlich tot. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18.12.2005)

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