"Inklusiv braucht nicht exklusiv zu bleiben"

17. Mai 2006, 10:01
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Behindertenpädagogik: SPÖ fordert Inklusion als weiteren Schritt der Integration - Niederwieser vertritt Gleichheitsgrundsatz in Schulbildung

"Jedes Kind hat das gleiche Recht auf Bildung", betonte SPÖ-Bildungssprecher Erwin Niederwieser bei einer Enquete zum Thema "Inklusive Bildung" und forderte eine Verbesserung der Integration behinderter Kinder in der Schule. Für SPÖ-Behindertensprecherin Christine Lapp geht Inklusion einen Schritt weiter als die Integration behinderter Kinder in den Schulalltag: "Inklusion hat mit Geisteshaltung zu tun", die das Miteinander von SchülerInnen mit oder ohne Behinderung als etwas Selbstverständliches ansehe. Um Inklusion zu erreichen, müsse allerdings die Integration österreichweit flächendeckend und unter gleichen Rahmenbedingungen in allen Bundesländern ausgebaut werden. Die weiteren Forderungen der SPÖ sind Integration auch nach der 8. Schulstufe und die gesetzliche Verankerung der Inklusiven Bildung.

Forschungsmangel und Fehler

Kritik übte Niederwieser am Mangel an Forschungsprojekten zum Thema Inklusion in Österreich. Es gehe um Fragen, die schon seit 20 Jahren im Raum stünden, wie zum Beispiel "unter welchen Voraussetzungen kann Inklusive Pädagogik gelingen?" In den Neunziger Jahren sei zweifellos einiges in den Gesetzen erreicht worden, räumte er ein, aber man habe auch Fehler gemacht. An der Integration der behinderten SchülerInnen in der Grundschule kritisierte er: "Sie sitzen zwar im selben Raum, machen aber getrennten Unterricht." Irmgard Kurz, Vorsitzende der Elterninitiative Integration Österreich: "Man muss aufpassen, dass nicht alte Fehler wiederholt werden, nämlich die Teilung in "richtige" und "andere" Klassen." Ihr sei wichtig, dass man nicht darüber diskutiere, wer integrierbar ist und wer nicht.

Auf dem Weg zur Inklusion

Im Sinne der Inklusion wird Anderssein wird nicht als Mangel angesehen, sondern als Bereicherung. "Menschen sollen als Menschen wahrgenommen werden, nicht aufgrund ihrer Defizite", erklärte Lapp dazu. Rainer Grubich, Koordinator der Projektgruppe "Inklusive Pädagogik", kritisierte, dass "die Kosten-Nutzen-Debatte in unserer Gesellschaft ganz stark präsent ist". Menschen würden nur mehr nach Leistung beurteilt werden. Auf dem Weg von der Integration zur Inklusion fordert Lapp: "Integration darf nicht mit der achten Schulstufe enden." Die Rahmenbedingungen für Integration müssten geschaffen werden, es müsse Kompetenz- und Beratungszentren für Eltern geben. "Schulversuche sollen in das Regelschulsystem übernommen werden und nicht nur Schulversuch bleiben", so die Behindertensprecherin der SPÖ. Wichtig sei auch, dass die betroffenen Eltern ihr Expertenwissen weitergeben.

Beispiel Lerngemeinschaft Friedrichsplatz

Die Lerngemeinschaft Friedrichsplatz ist ein Beispiel für gelebte Inklusion. In einem Schulversuch werden behinderte Kinder bis zur achten Schulstufe in die offene Lerngemeinschaft integriert. Es gibt individuelle Tages- und Wochenpläne für die Kinder. Klassenlehrerin Alexandra Hiess: "In unserer Schule werden Sie nicht merken, welches Kind behindert ist". Es gäbe zwar einen Integrationslehrer für die Kinder mit Behinderung, aber allgemein seien alle LehrerInnen für alle Kinder zuständig. Max, ein Schüler der Lerngemeinschaft, geht gern zur Schule: "Ich bin seit der ersten Volksschule am Friedrichsplatz, es macht mir ziemlich viel Spaß. Ich habe viele Freunde und die Größeren helfen den Kleineren."

Integration in den BMS und BHS

"Die Integration in die BHS und BMS soll nach der Pflichtschule möglich werden. Die Jugendlichen mit Behinderung sollen die Chance auf Bildung haben", fordert Kurz. Derzeit sei die Integration nur in der Polytechnischen Schule möglich. Ein Anliegen ist Kurz auch die integrative Nachmittagsbetreuung, da die Eltern sonst oft auf Sonderschulen ausweichen.

LehrerInnenausbildung

Für Lapp ist wichtig, dass die LehrerInnen "über die verschiedenen Arten von Behinderungen informiert werden." Zu den Pädagogischen Hochschulen meinte Niederwieser, dass "der Forschungssektor zu Integration und Inklusion dort verstärkt werden muss". Im Hinblick auf die LehrerInnenausbildung müssten genügend Ressourcen für die Inklusive Bildung vorhanden sein, "damit sich die LehrerInnen auch darauf einlassen können".

Von Marietta Türk

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Integration Österreich

Buchtipp

R. Gubrich u.a.:
Pädagogische Reihe:"Inklusive Pädagogik", Edition Innsalz Verlags GmbH,
ISBN 3-900050-50-3

  • SchülerInnen der Lerngemeinschaft Friedrichsplatz.
    foto: k. karmel

    SchülerInnen der Lerngemeinschaft Friedrichsplatz.

  • Erwin Niederwieser (SPÖ-Bildungssprecher)und Irmgard Kurz (Vorsitzende der Elterninitiative Integration Österreich) traten für eine bessere Integration behinderter SchülerInnen ein.
    foto: k. karmel

    Erwin Niederwieser (SPÖ-Bildungssprecher)und Irmgard Kurz (Vorsitzende der Elterninitiative Integration Österreich) traten für eine bessere Integration behinderter SchülerInnen ein.

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