Leben in der Festung Irak

27. Dezember 2005, 17:28
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Zwei Jahre berichtete Andrew Marshall für die Nachrichtenagentur Reuters aus Bagdad - So gefährlich wie heute war es noch nie zuvor, erzählt er im STANDARD-Interview

Zwei Jahre berichtete der Journalist Andrew Marshall für die britische Nachrichtenagentur Reuters aus Bagdad. In dieser Zeit starben im Irak-Krieg mehr als 60 Medienarbeiter, vier Tote beklagt allein Reuters. So gefährlich wie heute war es allerdings noch niemals zuvor, erzählt er im Gespräch mit dem STANDARD.

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STANDARD: Sie waren zwei Jahre Chefkorrespondent für Reuters im Irak, seit Juli berichten Sie aus London. Vermissen Sie Bagdad?

Marshall: Ich vermisse meine Kollegen sehr. Für Reuters arbeiten in Bagdad rund 100 Journalisten, die meisten von ihnen sind Iraker. Das wäre nicht anders möglich, für ausländische Journalisten ist es mittlerweile zu gefährlich geworden. Früher konnte ich mich auf den Straßen frei bewegen, in Restaurants gehen. Ich war sogar in Fallujah ohne Militäreskorte. Das wäre jetzt undenkbar, deshalb brauchen wir Einheimische mit Kontakten. Sie nehmen große Risiken auf sich, und sie tun es nicht einmal des Geldes wegen. Ich denke, sie tun es, weil die Geschichte des Iraks erzählt werden muss. Ohne sie ginge vieles nicht.

STANDARD: Warum wollten Sie ausgerechnet in den Irak?

Marshall: Es ist sehr traurig mitanzusehen, was mit dem Land passiert. Die Iraker sind sehr stolze Menschen, es ist ein Land mit großer Geschichte. Ich fand dann aber, zwei Jahre seien genug. Meine Eltern sind froh, dass ich wieder zurück bin.

STANDARD: Unter welchen Bedingungen arbeiten Journalisten in Bagdad?

Marshall: Seit Beginn des Krieges haben wir große Schwierigkeiten mit dem US-Militär. Sie haben insgesamt vier Reuters-Journalisten getötet. Gewiss geschah all dies ohne Absicht, aber wir glauben, dass das US-Militär nicht genug für die Sicherheit von Journalisten sorgt. Von Zivilisten gar nicht zu reden. Sie leiden unter der Nervosität der amerikanischen Soldaten. Jede unvorhergesehene Bewegung kann gefährlich sein, gewöhnlich sind es Zivilisten, die getötet werden. Das ist das wirkliche Problem im Irak und der Grund, warum die Amerikaner so unbeliebt sind.

STANDARD: Wie gehen US-Soldaten mit Journalisten um?

Marshall: Das ist das zweite Problem: Kollegen werden in ihrer Arbeit behindert, verhört, manchmal von Amerikanern, dann wieder von der irakischen Polizei zusammengeschlagen. Im Jänner 2004 wurden drei unserer Irak-Mitarbeiter nahe Fallujah drei Tage fest gehalten, nachdem ein Helikopter abgeschossen wurde. Nach ihrer Freilassung berichteten sie von schwerem Missbrauch. Das war noch bevor Abu Ghraib bekannt wurde. Natürlich bestritten die Amerikaner das.

STANDARD: Was hat sich in der Zeit Ihres Aufenthalts verändert?

Marshall: Wir mussten unser Büro aus Sicherheitsgründen wechseln. Einer der Schlüsseltage war der 19. August 2003, als ein Selbstmordattentat auf den Hauptsitz der UNO verübt wurde und mehr als 20 Menschen starben. Uns wurde klar, dass Journalisten nicht länger erwarten dürfen, sicher zu sein. Jetzt leben wir wie in einer Festung, hinter hohen Mauern mit bewaffneten Wächtern. 2003 gab es kein Telefonnetz im Irak. Es gab keine Infrastruktur, man konnte die Polizei nicht anrufen. Wenn wir Detonationen hörten, gingen wir auf das Dach unseres Büros, schauten, woher der Rauch kam und schickten jemanden aus. Einer unserer irakischen Kollegen besitzt ein Motorrad, das ist einer der Gründe, warum wir im dichten Verkehr meist schneller als die Kollegen von AP (Associated Press, Anm.) sind.

STANDARD: Seit 2003 starben mehr als 60 Journalisten im Irak. Was bedeutet für Sie in leitender Funktion diese Verantwortung?

Marshall: Das war der schwierigste Teil des Jobs, Sicherheit wurde zum Schlüsselfaktor. Damit ein einzelner Journalist eine Pressekonferenz in Bagdad besuchen kann, braucht es eine bewaffnete Eskorte mit zwei Autos. Um den Checkpoint zu passieren, muss man 30-minütige Sicherheitschecks in Kauf nehmen. In so einer Situation ist man bis zum Abend angespannt, bis alle heil zurück sind.

STANDARD: Wie beurteilen Sie als Agenturjournalist die Irak-Berichterstattung in den Medien?

Marshall: Ich stelle eine gewisse Ermüdung fest. Als im Jahr 2003 ein Selbstmordattentäter 20 Menschen tötete, war das ein Zeitungsaufmacher. Heute ist das nicht mehr so. Jetzt, zu den Parlamentswahlen berichten westliche Medien wie 5. Spalte der mehr. Inhaltlich geht die Berichterstattung im Moment über bloße Schreckensmeldungen hinaus, es gibt längere Hintergrundreportagen. Ich bezweifle aber, dass das so bleiben wird. Das Interesse geht zurück, unglücklicherweise weil die Gewalt alltäglich wurde. (DER STANDARD; Printausgabe, 17./18.12.2005)

Zur Person

Andrew Marshall (34) war für Reuters neben Bagdad auch in Nordirland, Osttimor, Afghanistan und Burma.

Die Fragen stellte Doris Priesching

  • Artikelbild
    foto: standard/cremer
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