„Ein großes Stück vom Förderkuchen“

20. Dezember 2005, 18:15
posten

Wien wird in Sachen Arbeitsmarktpolitik offensiv: Gemeinsam mit Bratislava wurde die „Überregionale Beschäftigungsstrategie“ ins Leben gerufen

Dabei geht es im wesentlichen darum, Firmen dabei zu helfen, so viele Standortvorteile wie möglich zu lukrieren. Die Erklärung klingt bleiern: „Teil der Vorwärtsstrategie ist es, die aktive Nutzung der großen Preis- und Lohnniveauunterschiede sowie der Steuer- und Förderregime zu unterstützen – durch regional in den Grenzregionen basierte, aber grenzüberschreitend ausgerichtete Produktions- und Vermarktungsnetzwerke von KMU.“ Auf den zweiten Blick ist der dröge Satz für Unternehmer durchaus sexy. Denn er bedeutet: Wenn schon Preise und Löhne in der Region unterschiedlich hoch sind, so soll doch zumindest aus der Not eine Tugend gemacht werden. Kleine und mittlere Firmen sollen sich die Standortvorteile holen, wo sie sie kriegen können – und Wien wird ihnen dabei helfen. Denn der bleierne Satz ist Teil jener „Überregionalen Beschäftigungsstrategie“, welche die „Zwillingsstädte“ Wien und Bratislava vor kurzem vereinbart haben. Wien ist als INTERREG Region anerkannt und will aus diesem Umstand mehr machen als nur simple „Grenzlandförderung“. Wie das gehen soll, erklärte der Wiener Bürgermeister Michael Häupl in der TVSendung „Offen gesagt“: „Wir gehen die Herausforderungen offensiv an. Wien positioniert sich auf den Wachstumsmärkten, mitten in der neuen Wachstumszone. Wir helfen zum Beispiel durch die Internationalisierungsförderung, vor allem für KMUs, damit sich die ein möglichst großes Stück des ,Ziel 1 Kuchens“ vor unserer Haustür abschneiden können.“

Die Stadt hat damit ihre strategische Ausrichtung so geschärft, wie das vor zehn Jahren noch gar nicht denkbar war: Öffnung gen Osten, Einladung an alle, die willens sind, am Wohlstandsgebäude in der Centrope-Region mitzubasteln. Das mag auch daran liegen, dass Wiens Migrationsexperten nach Ablauf der Übergangsfristen am Arbeitsmarkt keine massive Zuwanderung mehr erwarten. Umso mehr geißelt der Wiener Bürgermeister die „restriktive Migrationspolitik des Bundes“. Denn diese schade „Wien als F&E-Zentrum, indem gerade jene hochqualifizierten, mobilen Arbeitskräfte abgeschreckt werden, die die Stadt für ihre weitere Entwicklung brauchen würde“.

Indes macht sich Wien sehr wohl auf verstärkten Pendelverkehr, vor allem von und in die Bratislavaer Region, gefasst. Auch hier moniert Häupl, „dass es mit der Slowakei noch immer keine Grenzgänger- und Pendlerabkommen gibt“. Dabei seien gerade solche Abkommen so wichtig, weil man dann, anhand der Anmeldungen, tatsächlich sehen könne, welche Pendlermassen kommen werden.

Ein paar Pilotprojekte sind im Rahmen der „Überregionalen Beschäftigungsstrategie“ bereits angelaufen. So zum Beispiel ein Lehrlingsaustausch: 4 Wiener lernten ein halbes Jahr lang bei Meistern in Bratislava, sieben Bratislavaer Lehrlinge wurden im Gegenzug in die Geheimnisse des Wiener Handwerks eingeweiht. (stui, DER STANDARD, 21. Dezember 2005)

Share if you care.