Oral History der Trümmerfrauen

16. Dezember 2005, 13:07
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Steirische Jugendliche erstellten Film-Doku in Zusammenarbeit mit der Grazer ARGE Jugend gegen Rassismus und Gewalt

Graz - Sie leisteten nach 1945, als viele der eingerückten Ehemänner und Väter noch in Gefangenenschaft waren, die Aufräumarbeit und meisterten den täglichen Existenzkampf in der Nachkriegszeit: die "Trümmerfrauen". Steirische Jugendliche haben auf Initiative der Grazer "ARGE Jugend gegen Rassismus und Gewalt" sowie der Grazer Sozial- und Frauenstadträtin Zeitzeuginnen über ihre Erinnerungen interviewt. Das Ergebnis - eine zweiteilige DVD-Edition - wurde Donnerstagabend in Graz präsentiert.

Persönliche Erfahrungen weitergeben

Ihr Alltag war bestimmt von den schwierigen Wohnverhältnissen und den immensen Problemen der Nahrungsbeschaffung, aber auch die Angst vor allem vor den russischen Besatzungssoldaten oder die tägliche Schwerstarbeit, ohne die viele Städte lange Zeit Schutthalden geblieben wären. Die persönlichen Erfahrungen der Frauen aus dem Nachkriegsalltag werden jedoch oft nur im Familienkreis weitergegeben. Aus diesem Grund hat sich die Grazer "ARGE Jugend gegen Gewalt und Rassismus" in einem Oral-History-Projekt gemeinsam mit steirischen Jugendlichen der Tätigkeit dieser Frauen gewidmet.

"Wir wollten gesprächsbereite Frauen, die ihre Erfahrungen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit weitergeben wollen, mit neugierigen Jugendlichen zusammenbringen", so Projektleiterin Bettina Ramp. Eingeschult durch das Zeitzeuginnen-Team der ARGE befragten 20 Jugendliche aus Grazer Gymnasien (BG/BRG Liebenau, BG/BRG Carnerigasse und GIBS) insgesamt acht Zeitzeuginnen der so genannten Wiederaufbaugeneration.

Situation der Stadtbevölkerung besonders dramatisch

"Die Frauen haben alles machen müssen" und "Der Hunger war an der Tagesordnung", halten die befragten Frauen in den Interviews fest. Die Ernährungs- und die Wohnungsfrage etwa wurden in den ersten zwei Nachkriegsjahren als prekärer erlebt als selbst im Krieg, geht aus den Schilderungen der Zeitzeuginnen hervor. Die Stadtbevölkerung konnte das noch schwerer bewältigen als die LandbewohnerInnen. Schwarzmärkte wie z. B. jener im Grazer Volksgarten und so genannte "Hamsterfahrten zum Bauern" ergänzten die Nahrungsration auf den Lebensmittelkarten.

Veränderung der Frauenrolle

Aber auch über einschneidende familiäre Auswirkungen des Krieges wird berichtet: Gefallene, Gefangene, Vermisste oder traumatisierte Heimkehrer führten abgesehen von der emotionell belastenden Situation auch zur Veränderung der Frauenrolle und der Familienstrukturen und Spannungen und Konflikte in der Familie waren auf der Tagesordnung.

Die ARGE hat bereits im Großprojekt "Jugendliche im Dialog mit Zeitzeugen und Historikern über die Erste und Zweite Republik" Erfahrungen in der dokumentarischen Arbeit mit Senioren gesammelt. Mehrere Videos sind seit 2002 bereits entstanden. (APA)

"Die Trümmerfrauen - Frauenschicksale zwischen 1945 und 1955",
2 DVD, 25 Euro,
Bestellungen über die Arge Jugend gegen Gewalt und Rassismus unter Tel.: 0316/877-4058
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