Pamuk-Prozess vertagt

16. Dezember 2005, 12:05
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Entscheidung des Justizministers soll abgewartet werden - tätlicher Angriff von Nationalisten

Istanbul - Das Verfahren gegen den türkischen Schriftsteller Orhan Pamuk wurde vom Gericht in Istanbul vorerst bis zum 7. Februar ausgesetzt. Zunächst solle eine Erlaubnis des Justizministeriums in Ankara zur Fortsetzung des Prozesses abgewartet werden, erklärte das Gericht.

Zur Begründung für die Aussetzung des Prozesses hieß es, Pamuk habe das ihm vorgeworfene Vergehen vor der Änderung des türkischen Strafrechts in diesem Jahr begangen. Gegen ihn müsse daher nach dem alten Recht verhandelt werden, das eine direkte Ministererlaubnis für den Prozess erfordert. Da Justizminister Cemil Cicek die Anklage bisher nicht vorliege, müsse der Prozess zunächst ausgesetzt werden.

Pamuk ist wegen Äußerungen in einer Schweizer Zeitschrift angeklagt, in denen er vom Tod einer Million Armenier und 30.000 Kurden in der Türkei gesprochen hatte. Die Staatsanwaltschaft fordert bis zu drei Jahre Haft für den 53-jährigen Träger des diesjährigen Friedenspreises des Deutschen Buchhandels.

Zwischenfall bei Prozessbeginn

Der Prozess hatte unter großem Andrang in- und ausländischer Journalisten begonnen. Zu dem Gerichtsverfahren, das von der Europäischen Union als Test für politische Reformen und Meinungsfreiheit in der Türkei angesehen wird, war auch eine Delegation des Europaparlaments angereist. Dem 53-jährigen Pamuk droht bei Verurteilung eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren.

Bei der Prozesseröffnung kam es zu Rangeleien zwischen Polizisten und nationalistischen Demonstranten. Pamuk wurde auf dem Gang des Gerichts von Demonstranten angegriffen, eine Demonstrantin schlug dem Schriftsteller mit einer Mappe auf den Kopf. Andere Anhänger der nationalistischen Nebenkläger beschimpften Pamuk als "Verräter". Die Angreiferin wurde von der Polizei festgehalten, während Pamuk in einen sicheren Nebenraum geführt wurde. (APA)

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