Seibersdorf: Forschen um Nachbesetzung

22. Dezember 2005, 20:12
1 Posting

ÖIAG-Vorstand Rainer Wieltsch soll Präsident des Forschungszentrums werden - Richard Schenz: "Bin kein Sesselkleber"

Wien - Eigentlich sollte seit Donnerstag klar sein, wie es im Forschungszentrum Seibersdorf weiter geht. Dem ist allerdings nicht so. Im Gegenteil, in Österreichs größter außeruniversitärer Forschungsgruppe geht es noch mehr rund, als bisher.

Aufsichtsratssitzung und Gesellschafterversammlung fanden gar nicht statt - sie wurden am Mittwoch kurzfristig auf den 22. Dezember verschoben. Auf allgemeinen Wunsch und wegen Terminschwierigkeiten, wie Aufsichtsratspräsident Richard Schenz am Donnerstag zum STANDARD sagte.

Konkret gefehlt haben laut Staatssekretär Eduard Mainoni "wichtige Unterlagen aus dem Infrastrukturministerium", die man den Sitzungsteilnehmern zeitgerecht zukommen lassen und nicht erst in der Sitzung als Tischvorlage austeilen wollte.

Wie STANDARD-Recherchen ergaben, handelt es sich bei den "wichtigen Unterlagen" um den Schlussbericht des Management Zentrum St. Gallen, in dem strukturelle und operative Schwächen der Austrian Research Centers (ARC) schonungslos offen gelegt werden.

Neuerliche Diskussion über neue Köpfe

Die gewonnene Woche wollen die Aufsichtsräte und Gesellschafter freilich nicht nur für das Studium der Unterlagen nützen, sondern - erraten - eine neuerliche Diskussion über neue Köpfe. Und in selbige ist ordentlich Bewegung geraten, insbesondere, was den Aufsichtsratspräsidenten betrifft. Heißt auf gut Deutsch: An Schenz' Sessel wird wieder einmal kräftig gesägt. Im Ministerium wünscht man sich neuerdings Rainer Wieltsch an der Spitze des ARC-Kontrollgremiums.

Der ÖIAG-Vorstand habe ausreichend Zeit - sein Vertrag läuft Mitte 2006 aus - und Expertise, sich den finanziellen Unwägbarkeiten der Seibersdorfer zu widmen, heißt es im Ministerium. Außerdem könne er als nicht völlig weisungsfreier Vorstand mit politischen Wünschen und Entscheidungen umgehen. Dazu passt, dass Wieltsch kürzlich selbst mitteilte, er stehe für Aufsichtsratsmandate zur Verfügung.

In der von der Industrie gestellten Syndikatsgruppe B lässt dieses Ansinnen prompt die Alarmglocken schrillen. Zwar hat Ex-OMV-Chef Richard Schenz in der Industrie einige Kritiker, gegen den AUA-Präsidenten will man ihn aber dann doch nicht tauschen. Da schon eher gegen Böhler-Chef Claus Raidl, einen der schärfsten Kritiker des vom Infrastrukturministerium vorgegebenen Kurses in Seibersdorf.

Raidl winkt ab

Der allerdings winkt ab, er habe keine Zeit. "Es stellt sich die Frage, ob in dieser Struktur ein erfolgreiches Weiterführen überhaupt möglich", sagt Raidl zum STANDARD. Vor wenigen Wochen hatte er zudem mit dem Austritt aus Seibersdorf gedroht, falls die politischen Interventionen nicht gestoppt würden.

Nun hofft man, den wortgewaltigen Raidl doch noch dazu bewegen zu können. Er könne den Beamten von Vizekanzler Hubert Gorbach Paroli bieten. "Von außen kritisieren, ist das eine. Man muss auch von innen gestalten", formuliert es ein Industrievertreter diplomatisch.

Schenz trägt das neuerliche Sägen an seinem Präsidentensessel mit Fassung: "Ich bin kein Sesselkleber. Ich mache das, weil ich darum gebeten wurde." Nachsatz: "Wenn den Posten jemand will, kann er ihn gern haben." Noch immer nicht fixiert ist, ob die ARC künftig von zwei oder drei Geschäftsführern geleitet wird. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.12.2005)

Share if you care.