Mit Musik und Werbetrommeln gegen Bagdad

20. Dezember 2005, 14:36
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Die Kurden bangen um ihren Einfluss, während die Sunniten auf die politische Bühne zurückkehren

Mit Musik geht alles besser. Für die Kurden gilt dies ganz besonders. Nationalistische Lieder ertönen aus Lautsprechern vor dem Wahllokal in der Rizgari Koranschule im Zentrum von Erbil. Wenn Kurden Musik hören, hält sie nichts im Haus, sagt der Volksmund. Neben den musikalischen Klängen war es aber sicher auch das Propaganda-Trommelfeuer der kurdischen Regionalregierung, das die Menschen in Scharen zu den Urnen strömen ließ. "Vor zehn Tagen sah es noch anders aus, da sagten noch viele Leute, sie würden diesmal nicht hingehen", hatte der Politologiedozent Buhari Hidir am Vorabend im Kurort Shaqlawah erklärt.

Der Wahltag gleicht einem Feiertag. Es wird getrommelt und gefeiert, als ob der Sieg schon eingefahren wäre. Die Männer in traditioneller kurdischer Tracht, die Frauen in bunt glitzernden Kleidern, machen sich ganze Familien zu Fuß auf den Weg. Es gilt ein allgemeines Fahrverbot. Wer weit weg von seinem Wahlbüro wohnt, nimmt einen der Pendelbusse.

Obwohl die Sicherheitslage in den drei kurdischen Provinzen gut ist, gelten auch hier ausgedehnte Fahrverbote und die gleichen rigorosen Sicherheitsvorkehrungen wie im ganzen Land. Kein Auto kann auch nur in die Nähe eines Wahllokales gelangen. Aus den Randsteinen der Gehwege sind Straßensperren geworden. Jeder Wähler muss sich abtasten lassen, alle Taschen werden durchsucht. "Wir haben aus den Erfahrungen der ersten Wahlen im Jänner und des Referendums im Oktober gelernt und unsere Maßnahmen nochmals verfeinert. Im Vorfeld des Urnenganges kam es zu keinerlei Problemen", bestätigt Innenminister Karim Sinjari.

Über 150 Parteien

In der nahe gelegenen Amanz Kirmanz Hauptschule herrscht ein geordnetes Gedränge. Nach zwei Stunden hat bereits ein Drittel der eingeschriebenen Wähler und Wählerinnen ihre Stimme abgegeben, belegen die Tabellen von Ismail Abdou von der örtlichen Wahlkommission. Die Namen von 16 Parteien und Kandidaten stehen hier auf dem Wahlzettel - in Bagdad ist es eine unüberblickbare Masse von mehr als 150.

Nach der Listennummer gereiht sind neben der kurdischen Einheitsliste und den kurdischen Islamisten auch die Liste der religiösen Schiiten und ihres säkularen Kontrahenten Iyad Allawi zu finden, den der Großteil der Kurden gern als nächsten Regierungschef sehen würde.

Die Botschaft der Regierung in Erbil, dass es bei diesen Wahlen nicht darum gehen kann, die Unzufriedenheit mit den lokalen Verhältnissen auszudrücken, ist angekommen. Das sei der wichtigste der drei bisherigen Urnengänge im Irak, nach den provisorischen Parlamentswahlen im Jänner und dem Verfassungsreferendum im Oktober. Es gehe um die kurdische Sache, tönt es einhellig unter den befragten Wählern.

"Wir Kurden kämpfen gegen die Araber in Bagdad und gegen eine neue Besetzung durch die Bärtigen, die einen Religionsstaat wollen", sagt der Student Zoran. "Diese Wahl ist eine Pflicht, und jeder Kurde sollte für die Einheitsliste stimmen", fügt Adnan Karim, ein Peshmerga (Kääpfer), hinzu. "Nur wenn wir unsere Stärke bewahren, können wir uns bei der anstehenden Verfassungsrevision durchsetzen", begründet ein Wahlbeobachter der regierenden KDP die Anstrengungen seiner Partei.

Sicher weniger

Tatsächlich ist die Zahl 730, die Nummer der Einheitsliste, in Kurdistan allgegenwärtig. Kinder tragen sie sogar auf ihre Wangen gemalt. Die Kurden haben in den drei Provinzen Dohuk, Erbil und Suleimaniya 35 der 275 Mandate in der Volkskammer auf sicher. Weitere werden in den Nachbarprovinzen und in Bagdad dazu kommen. Als Folge des neuen Wahlrechtes und der Teilnahme der Sunniten werden sie aber bestimmt weniger als die 77 erhalten, die sie im Übergangsparlament eingenommen haben. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.12.2005)

Astrid Frefel aus Erbil
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