Votum gegen die Besatzung

19. Dezember 2005, 10:44
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Viele Sunniten sehen die Wahl als ersten Schritt zum US-Abzug

Schüsse, eine Explosion und Drohungen von Extremisten haben Jamal Mahmud diesmal nicht davon abgehalten, in einer der unruhigsten Städte des Landes wählen zu gehen. "Ich bin sehr froh, das erste Mal gewählt zu haben, denn diese Wahl wird dazu führen, dass die amerikanischen Besatzer Ramadi und den Irak verlassen", sagt der 21-jährige Chauffeur. Mahmud steht stellvertretend für viele Menschen in der sunnitischen Stadt, die die Wahlen diesmal als ersten Schritt hin zu einem Abzug der US-Truppen sehen. "Das ist ein glücklicher Tag für alle Iraker", sagt auch Hamed Abbas, ein 35-jähriger Regierungsangestellter.

Die Wahlen im Jänner waren von den meisten Sunniten noch boykottiert worden. Die einst privilegierte Minderheit fühlte sich von den schiitischen Muslimen und den Kurden bei der Machtverteilung übervorteilt. Inzwischen sehen die führenden sunnitischen Politiker diesen Boykott als Fehler an und wollten es diesmal nicht versäumen, im neuen Parlament möglichst stark vertreten zu sein.

Ramadi, Hauptstadt der sunnitischen Wüstenprovinz Anbar, liegt im Westen, eingebettet in das Euphrat-Tal. US-Truppen gehen hier gegen Aufständische und ausländische Kämpfer vor und versuchen, ihr Vordringen ostwärts nach Bagdad und in andere Städte zu verhindern.

Gemessen am bisherigen Ausmaß der Gewalt in der Provinz begannen die Wahlen am Donnerstag vergleichsweise ruhig. Schüsse und eine Explosion waren zu hören, trotzdem gingen die Menschen zu den Urnen. Aus Sicherheitsgründen waren nach Angaben der irakischen Wahlkommission zwar nur 162 der 207 Wahllokale in Anbar geöffnet. Dennoch wurde mit einer deutlich höheren Wahlbeteiligung in der sunnitischen Provinz als im Jänner gerechnet. Damals stimmten nur zwei Prozent der Bevölkerung ab.

Losungen, die zum Heiligen Krieg aufrufen, waren diesmal in Städten wie Ramadi und Falluja kaum zu finden. An den Gebäuden dominierten Wahlplakate. (Reuters/DER STANDARD, Printausgabe, 16.12.2005)

Ammar Al-Alwami aus Ramadi
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