Gogol Bordello: Genialer Ethno-Eintopf mit Dachschaden

21. Dezember 2005, 18:49
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Gypsy-Punk live: am Freitag in der Szene Wien, am Samstag in Graz im P.P.C.

Wien - Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: Gogol Bordello - Gypsy Punks: Underground World Strike. Das geht runter wie Methylalkohol - und brennt auch so. Ein Bandname, ein Albumtitel als Kampfansage, der tatsächlich die Attacke folgt: "60 revolutions per minute, this is my regular speed!"

Die vielköpfige Mannschaft hinter dem Bandenführer Eugene Nikolaev Hütz rührt eine aberwitzige Mixtur aus Punk, Balkan-Folklore und Ska und schickt den Eintopf im Schuss über die Buckelpiste. Das Basislager von Gogol Bordello steht zwar aktuell in der New Yorker East Side, die Ursprünge der Combo liegen allerdings in Osteuropa, im Fall von Hütz in der Ukraine.

Nach dem Besuch eines Sonic-Youth-Konzerts 1989 war es um Hütz geschehen. Die Kraft, die er dort erlebte, ließ ihn eine sich eben erst ergebende Option nutzen und gen Westen ziehen. Nach wenig romantischen Stationen wie dem Flüchtlingslager Traiskirchen gelangte er 1993 nach New York.

Dort folgten erste Bandprojekte sowie DJ-Aktivitäten in bulgarischen Exil-Discos, bei denen Hütz jedoch weniger auf Brauchtumspflege setzte, sondern der Folklore angestochene Dancefloor-Stile wie Bhangra oder Kiffer-Dub zusetzte. Diese Bastardisierung gipfelte in Nebenprojekten wie etwa J.U.F., der Jüdisch-Ukrainischen Freundschaft, oder der Balkan Beat Box, mit der er den ohnehin boomenden Balkan-Sounds einen Höhepunkt verpasste. So errang Hütz den Status lokaler Berühmtheit.

Dass dieser mittlerweile international ist, verdankt er neben dem Erfolg seiner Musik vor allem dem Umstand, dass er in der nächste Woche auch hier zu Lande anlaufenden Verfilmung von Jonathan Safran Foers Bestsellerroman Alles ist erleuchtet neben Elijah Wood in den Kinos zu sehen ist.

Dabei sollte Hütz ursprünglich nur die Musik zum Film beisteuern. Als man den Ukrainer aber leibhaftig sah und sich seine Lebensgeschichte anhörte, kam man zu der Überzeugung, der Immigrant-Punk Hütz sollte eine Hauptrolle übernehmen.

Zurzeit tourt er mit Gogol Bordello durch Europa. Vergleichbares hat man lange nicht gehört. Von der Live-Reputation her kann man auf die britischen Irish-Folk-Punks The Pogues oder die Westcoast-Band Camper Van Beethoven verweisen, die bereits in den 80ern osteuropäische Folklore mit der anarchischen Energie von Punk verband, was sich in Stücken wie Skinhead Stomp oder Joe Stalin's Cadillac entlud. Jedoch nicht mit der rohen Energie und dem Irrwitz von Gogol Bordello: "Think locally, fuck globally!" Man darf gespannt sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.12.2005)

Von Karl Fluch

Gogol Bordello live:
16. 12. Szene Wien, 11., Hauffgasse 28. (01) 749 33 41.
17. 12. P.P.C. 8020 Graz, Neubaugasse 6, 0664/451 50 38.
Jeweils 20 Uhr

  • Lokal denken, global Liebe vollziehen: Die "Gypsy Punks" Gogol Bordello mit dem Neo-Schauspieler Eugene Nikolaev Hütz ("Alles ist erleuchtet") als Frontmann, gastieren in Wien und Graz.
    foto: trost

    Lokal denken, global Liebe vollziehen: Die "Gypsy Punks" Gogol Bordello mit dem Neo-Schauspieler Eugene Nikolaev Hütz ("Alles ist erleuchtet") als Frontmann, gastieren in Wien und Graz.

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