Bach-Segmente in historischen Farben

15. Dezember 2005, 18:21
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Das "Weihnachtsoratorium" im Konzerthaus

Wien - Was mit Johann Sebastian Bachs Passionen und auch seinen Kantaten ohne größere Probleme zu bewerkstelligen ist, deren Eingliederung in den Konzertbetrieb nämlich - egal, ob auf alten oder neuen Instrumenten, das gestaltet sich im Fall des Weihnachtsoratoriums in jedem Fall schwierig.

Der Grund dafür liegt in der Länge dieses Werkes. In Wahrheit handelt es sich dabei um einen sechsteiligen Werkzyklus, der zur segmentweisen Aufführung an den zwischen Weihnachten und Dreikönigstag liegenden Feiertagen konzipiert ist.

Da eine Gesamtaufführung die üblichen zeitlichen Dimensionen eine Konzertes überdehnen würde, ist die Beschränkung auf einzelne Teile unumgänglich. Deren Auswahl wird jedoch durch die unüberhör- und übersehbare musikalische und textliche Kohärenz dieser Kantatenkette erheblich erschwert.

Harry Christophers, der mit seinem Symphony of Harmony and Invention genannten Londoner Instrumentalensemble und mit dem ebenfalls von ihm gegründeten Vokalensemble The Sixteen erstmals im Wiener Konzerthaus einkehrte, entschied sich für die Teile I, V und VI. Welche Gründe auch immer für diese Wahl den Ausschlag gegeben haben mochten, eines steht fest: Sie boten beste Gelegenheit, die bunte Farbenpracht dieses auf historischen Instrumenten musizierenden Ensembles voll auszuspielen.

Waren es im ersten und im letzten Teil der näselnde Jubel der Blechbläser und die etwas schmalbrüstige Wucht der klein dimensionierten Schlaginstrumente, so war es im Mittelteil die pastorale Intimität der solistisch mitkonzertierenden Oboen (d'amore), mit denen die Gäste den glänzenden Ruf, der ihnen vorauseilte, auch zu rechtfertigen vermochten.

Die zahlenmäßig knappe Besetzung des Ensembles verschließt sich jeglicher chorischen Glätte und führt - begünstigt durch den spezifischen Klang jedes einzelnen Instrumentes - zu einer Art von klangkoloristischer Individualpolyfonie jenseits der Noten.

Berechtigter Jubel

Diese vom Dirigenten mit sichtlichem Spaß stimulierte emotionale Vielstimmigkeit prägte auch den vokalen Bereich dieser am Schluss zu Recht bejubelten Aufführung, in der herkömmliche Ideale solistischer Brillanz durch das Gebot spontaner Eindringlichkeit und vorbildlicher Wortdeutlichkeit ersetzt sind.

Nicht zuletzt wurde diese Intensität auch durch die rasche Folge, in der sich die Solisten mit ihren Arien und Rezitativen hören ließen, noch verstärkt. Unter diesen ließ vor allem Wilke te Brummelstroetes Mezzo durch seine natürliche Wärme aufhorchen, doch auch James Oxleys Tenor und der Bass von Ben Davies erwiesen sich im Einklang mit dem Chor in der Disziplin des historischen Schöngesangs bestens versiert. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.12.2005)

Von Peter Vujica
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