In den Tiefs kommt die Reife

17. Dezember 2005, 13:18
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Hannes Reichelt, vor drei Jahren Überrasch­ungszweiter in Gröden, heuer Sieger in Beaver Creek, pendelt zwischen Glück und Pech

"Ich hab mir überlegt, ob ich es nicht lassen soll." Hannes Reichelt hatte aber noch einen zweiten Gedanken, damals im März 2005, als er, von Schmerzen gequält, im Hotelzimmer in Roccorasso in den Abruzzen lag, wenigstens die Rumpelpartie im Akia schon hinter sich hatte: "Irgendwann muss es die Zeit geben, in der ich auch Glück habe." Das erste Glück stellte sich ein, als ihn - statt wie befürchtet ein Auto - ein Ambulanzjet von Pescara auf den Operationstisch nach Innsbruck beförderte.

Reichelt hatte sich beim Europacupfinale bei einem Sturz in der Abfahrt schwer bedient. Im linken Knie rissen ein Kreuz- und ein Innenband, der Meniskus war völlig zerstört, dazu kamen eine Einblutung im Schienbeinkopf, eine Gehirnerschütterung und ein Schleudertrauma. "Dabei war ich gar nicht schuld", sagt Reichelt. Ein Sprung war entgegen der Abmachung nach dem Training nicht entschärft worden, Reichelt wurde von einem 85-Meter-Flug überrascht und von der Landung im Flachen überwältigt.

Reichelt ließ den zweiten Gedanken gewinnen, im August stand er erstmals wieder auf Skiern, die befürchteten Schmerzen blieben aus. Schließlich hatte er sich im Europacup, in dessen Gesamt-und Abfahrtswertung er siegte, für die heurigen Saison fixe Weltcup-Arbeitsplätze in der Abfahrt, im Super-G und im Riesenslalom verdient. Reichelt war aber nicht das erste Mal quasi vom Berg geprügelt worden. Im November 2003 stürzte er beim Training auf der Reiteralm schwer. Folgen: Schlüsselbeinzertrümmerung rechts, Innenbandeinriss im linken Knie, Rückkehr zum Schnee am Ende des Winters.

Reichelts Erkenntnis: "In den Tiefs reift man." In den Rehabilitationen, etwa beim stundenlangen Nordic Walking, habe er neue Freunde gewonnen. Und er weiß recht gut, dass er sich auf seine Skikünste nicht verlassen kann. "Wenn alles gut geht, kann ich noch maximal zehn Jahre Skirennen fahren. Ich denke oft schon an die Zeit danach." Der Radstätter besuchte die Skihandelsschule in Schladming und absolvierte die Matura. "Nach meiner Skikarriere würde ich gern studieren." Jetzt freut er sich einmal auf den in den nächsten Tagen erwarteten Nachwuchs seiner um fünf Jahre älteren Schwester und seine verantwortungsvolle Aufgabe als Taufpate.

Reichelt hatte aber im sportlichen Leben nicht nur Pech. Im Dezember 2002 überraschte er beim Grödener Super-G als Zweiter. Heuer gewann er bei widrigen Bedingungen den Super-G in Beaver Creek. Und als er nach dem Rennen im Internet nach Kommentaren stöberte, ärgerte er sich darüber, dass viele seiner Kollegen wegen des Windes von irregulären Bedingungen sprachen.

Reichelt wird in Gröden den Super-G (heute, 12:15/ORF 1), die Abfahrt und jenseits des Joches in Alta Badia den Riesenslalom bestreiten. Die Abfahrt in Val d'Is`ere ließ er aus. "Nach dem Transatlantikflug war das Knie geschwollen." (DER STANDARD, Printausgabe, Freitag, 16. Dezember 2005, Benno Zelsacher aus Gröden)

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    Da Hannes Reichelt weiß, dass es im Leben eines österreichischen Skisportler auch schmerzhafte Momente gibt, genießt er den Augenblick des Erfolgs.

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