Orhan Pamuk, Gefangener zwischen den Welten

27. Dezember 2005, 11:59
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Der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk fühlt sich derzeit "gefangen zwischen meinem Land und dem Rest der Welt". Am Freitag wird in Istanbul am Bezirksgericht von Sisli das Verfahren wegen "Verunglimpfung des Türkentums" gegen ihn eröffnet. In einem Interview hatte Pamuk darauf hingewiesen, dass im Ottomanischen Reich eine Million Armenier und 30.000 Kurden zu Tode kamen.

Das Ausmaß und die Bewertung dieses Völkermords sind in der Türkei immer noch so umstritten, dass Pamuk von einem "Tabu" spricht. Er hat sich als Romancier und Intellektueller die Autorität erschrieben, es zu brechen. Seine Bücher wurden in mehr als dreißig Sprachen übersetzt. Erst im Oktober dieses Jahres ist er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Wann immer eine Stellungnahme zur Entwicklung der Türkei, die seit der Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der EU unter besonderer Beobachtung steht, gebraucht wird, meldet Pamuk sich zu Wort.

Der Parade-Citoyen wurde am 7. Juni 1952 in Istanbul als Sohn einer großbürgerlichen Familie geboren. Er wollte ursprünglich Maler werden, studierte dann aber Architektur und Journalismus, ehe er 1982 seinen ersten Roman veröffentlichte: "Cevdet Bey ve Ogullari" ("Herr Cevdet und seine Söhne") ist bisher nicht ins Deutsche übersetzt. Pamuks Schreiben changiert zwischen den Kulturen. Realistische und allegorische Formen gehen ineinander über.

In den 80er-Jahren lebte er mit seiner Frau, einer Germanistin, häufig in New York. "Der Roman ist die größte Erfindung der westlichen Welt", sagt Osman, die Hauptfigur im historischen Roman Das neue Leben. Seine politischen Erfahrungen hat Pamuk deswegen immer versucht, in Erzählungen zu fassen. Bekannt wurde er mit Das schwarze Buch, einer literarischen Verrätselung seiner Heimatstadt Istanbul, in der er bis heute lebt: Zwei Menschen verschwinden, der Anwalt Galip macht sich auf die Suche, und dringt tief in die kulturellen, architektonischen und symbolischen Schichten der Stadt vor. "Hüzün", ein türkisches Wort für Melancholie, ist dabei das bestimmende Prinzip.

In seinem jüngsten Roman "Schnee" hat Pamuk versucht, das türkische Hinterland als Basis des Islamismus zu verstehen. "Der Kern des politischen Islam ist nicht die Religion, sondern eine Art Nationalismus." Die Antagonismen zwischen Säkularen und Religiösen zwingen Pamuk immer wieder zu konkreten Stellungnahmen. So kritisierte er auch die Fatwa gegen Salman Rushdie. Derzeit schreibt er an einem Roman, dessen Thema "die politische Dimension der Sexualität in Ländern wie der Türkei ist". Im Magazin New Yorker gibt sich Pamuk optimistisch: "Ich glaube nicht, dass ich im Gefängnis landen werde." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.12.2005)

Von Bert Rebhandl
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    Orhan Pamuk

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