Ein Zaubermärchen über den Machterhalt

16. Dezember 2005, 13:20
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Vor der Premiere von Mozarts "Zauberflöte" an der Volksoper Wien: Regisseur Helmuth Lohner im Gespräch

Diesen Samstag hat an der Volksoper Wien Mozarts "Zauberflöte" Premiere. Regisseur Helmuth Lohner sprach mit Stefan Ender über den respektvollen Umgang mit dieser "Lebensmusik", seine Sicht des Werks, berechenbare Erfolge sowie über die Unarten des zeitgenössischen Regiewesens.


Wien – Silberzart bimmelt ein Glockenspiel aus dem Lautsprecher, "Zauber" und "Orchestersitzprobe" liest man am ausgehängten Probenplan. Der Portier der Volksoper entwirft mit einem Gast Szenarien zur Rettung des Hauses. Wo ist Helmuth Lohner? Da ist Helmuth Lohner. Kommt, grüßt leise, schaut vorsichtig und freundlich. Das Interview? Im Publikumsbuffet. Und los geht's.

Herr Lohner! Mit der Zauberflöte inszenieren Sie das Allerheiligste des Allerheiligsten, kurz vor dem magischen Datum seines 250. Geburtstages. Was geht in Ihnen um: Bammel, Wurschtigkeit oder Freude? "Also", meint Lohner sonor und schöpft Atem und Gedanke, "kein Stück darf einem wurscht sein. Und wenn man keinen Bammel – ich würde es Respekt nennen – vor dem Werk hat, darf man überhaupt nicht beginnen mit irgendetwas." Und die Freude? "Es ist so eine Lebensmusik, wissen Sie", meint Lohner, "ich weiß nicht, wie oft ich die Zauberflöte gehört gab, ich glaub, gar nicht einmal allzu oft, aber ich bilde mir doch ein, dass ich eine gute, eine präzise Kenntnis von dem Werk hab."

"Die Zauberflöte", führt der Josefstadt-Prinzipal in langsam mäandrierenden Gedankenbögen weiter aus, "ist ja so eine Mischung aus Märchen, aus Realität, aus einem gewissen Pathos. Der Emanuel Schikaneder war auf jeden Fall ein sehr, sehr geschickter Theatermann, der genau gewusst hat, was die Leute mögen. Ich halte bei dem Stück viel für verzichtbar: den ägyptischen Pomp, die ganze Freimaurerei ... Sarastros Reich ist eine Theokratie, eine sehr streng geführte Theokratie, mit Gesetzen, denen man sich unterwerfen muss. Das Reich der Königin der Nacht ist eher wie ein Matriarchat ... Aber das ist nicht so grundsätzlich. Das Grundsätzliche ist, dass es beiden Blöcken nur um die Macht geht. Um die Macht zu erhalten, will man die Tochter zur Mörderin machen, und der andere, der sieht die Hoffnung in diesem aufstrebenden Prinzen."

Lohner weiter: "Der arme Teufel Papageno wiederum, der kommt zu der Sache ja wie die Jungfrau zum Kind, er hat ja überhaupt kein Interesse zu den Eingeweihten zu gehören ..." War er eine Identifikationsfigur fürs Volk, damals? "Wahrscheinlich, aber ... er ist bestimmt nicht der Komiker in diesem Stück, er ist ein Mensch mit einem gesunden Menschenverstand." Die Mozartischste Figur? "Das kann ich nicht sagen. Also, alles was dem Mozart so untergeschoben wird, dass er so ein Beschwingter und Fröhlicher war, das kann ich aus seiner Musik nicht heraushören."

Zirkus? Falsch!

Donner, Blitz, Pomp und Zauber wechseln in der Zauberflöte stetig: Inszeniert sich das nicht wie von selbst? "So ist es nicht. Man darf sich in all dem nicht verlieren. Man muss das Stück ernst nehmen, muss Schicksale erzählen. Ein hoch geschätzter Kollege von mir macht das Stück zum Beispiel als Zirkusvorstellung: Das ist falsch. Das steht nicht in der Musik drinnen. Da schwindelt man sich um die Regie herum. Es geht um die menschlichen Probleme. Es ist doch furchtbar, wenn der Tamino den Auftrag kriegt, dass er nichts mehr mit der Pamina reden darf. Und der Sarastro, der treibt die beiden ja aus einem religiösen Sadismus quasi in die Niagara-Fälle oder in den Mount St. Helens oder so ... das sind doch alles grausame Dinge, die mit denen passieren! Das ist doch kein Klamauk!"

Mit Leopold Hager sieht sich Lohner in der Sicht des Werkes "wunderbar einig – ich hatte nie Schwierigkeiten mit Dirigenten". Fühlt Lohner aufgrund der prekären Situation der Volksoper einen speziellen Erfolgsdruck? "Das ist leider so eine Unart geworden: auf Erfolg inszenieren. Wissen Sie, das ist das Schlimmste: Erfolg ist teilweise berechenbar geworden. Man kann heutzutage schon auf den Feuilletonerfolg hin inszenieren. Ganz bewusst."

Bleibt für die Wiener Volksoper also nur zu hoffen, dass Helmuth Lohner bei seiner Zauberflöten-Inszenierung ganz bewusst unartig war. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.12.2005)

Von Stefan Ender
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    Helmuth Lohner

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