Klassentreffen der Ex-Wilden

15. Dezember 2005, 17:35
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Abschluss einer Tournee österreichischer abstrakter Malerei: die Ausstellung "China retour" im Mumok

Von April bis Oktober zeigte das Mumok sechs österreichische Maler in Schanghai, Peking, Xian und Guangzhou. Den Abschluss der Tournee bildet nun die Ausstellung in Wien: "China retour".


Wien – Nun also sind sie aus "China retour", die aktuellen Werkblöcke einer Generation von Malern, die allesamt in den 80er-Jahren bekannt wurden, für die man rasch das damals Logo Österreichs "Neue Wilde" parat hatte, von denen jedenfalls behauptet wurde, sie würden "heftige Malerei" produzieren, der Moderne und der zur Konkretisierung bzw. Minimalisierung neigenden Avantgarde der 60er und 70er zum Trotz der expressiven Geste freien Lauf lassen.

Die Marke, sosehr sie die einzelnen Positionen auch damals schon nivelliert hat, klebt bis heute an den in den 50er-Jahren Geborenen, die darüber hinaus nur verbindet, dass sie mehr oder weniger gegenstandslose Malerei fer^tigen. Sowohl die einzelnen Biografien als auch die‑ Entwicklung der jeweiligen Oeuvres verlief nach dem Malereiboom der 80er-Jahre getrennt voneinander. Insofern ist "China retour" durchaus als Klassentreffen zu sehen.

Vorweg: Die Wiener Präsentation im Museum Moderner Kunst ist besser gelungen, als ein ähnlicher Versuch vor wenigen Jahren in der Sammlung Essl in Klosterneuburg. Sowohl die Konzentration auf sechs wesentliche Positionen als auch die durchaus großzügige Inszenierung bietet Platz genug, jeweils Charakteristisches auszuloten. Und vielleicht hilft ja auch der Titel dabei, den ganzen Ballast vermeintlichen Wissens um die sechs zu abzuwerfen.

Aneignung von Welt

Die Schau beginnt mit Otto Zitko, und damit mit der am wenigsten malerischen Position. Wenn Bilder Bilder nach sich ziehen, dann neigen bei Zitko die Linien stets zur Knäuelbildung. Zitkos Strich dient der Aneignung von Welt, durchaus aggressiv freudig zieht er nach, umkreist, verdeckt oder unterstreicht, was vorzufinden war, markiert Platten, Wände, Räume.

Bei Hubert Scheibl, dem Nächsten in der Raumfolge, werden dann schon wirklich Farbmassen bewegt, erscheint das Tafelbild als dicke atmosphärische Packung, deren Ritzen und Furchen vielleicht noch von Expressivität zeugen, möglicherweise aber auch schon von Distanz zum eigenen Weltenbau künden. Scheibel scheint neugierig, ja schelmisch dabei zu sein, etwas anzuzetteln, die Elemente in Versuchsanordnungen aufeinander prallen zu lassen.

Gunter Damisch steht dem eigenen Schöpfen weitaus positiver gegenüber, er malt sich eine "Weltfeldhelle" oder ein "Weltwegflimmern" in der stets versöhnlichen Verschränkung von Mikro- und Makrokosmos. Er verdichtet borstig/dornig vegetabiles Geschlängel zu üppigem Dekor in mildem Farbkontrast, findet über die Malerei auch zu Skulpturen, die wiederum – wie Alex Hesses Filmporträt zeigt – klangvoll zu instrumentalisieren sind.

Mit Damisch auf einer Ebene im Mumok ausgestellt sind zwei ganz gegenläufige Positionen. Wo Damisch aus dem Vollen schöpft, versucht Walter Vopava vor allem eines wegzulassen: Eindeutigkeit. Seine Formationen räumlich tief gestaffelter Elemente erscheinen in einem prekär labilen Gleichgewicht. Es sind mit Bedacht gewählte Ausschnitte aus größeren Ganzen, die weit mehr der Wesenhaftigkeit der Dinge auf den Grund zu gehen versuchen, als sie – in der vermessenen Annahme, es gäbe einen verbindlichen Bauplan – nachzubasteln. Souveränität ergibt sich aus der Gewissheit um das stets Ungewisse.

Thema Oberfläche

Wiewohl in zahlreichen Schichten aufgebaut, aus der Überlagerung von Schlieren und Farbverläufen generiert, thematisiert Erwin Bohatsch "Oberfläche". Spürbar vorsichtig entwickelt er hermetisch versiegelte Effektflächen, die das Unabsehbare des Verfließens und miteinander Reagierens von Emulsionen zu Kompositionen umdeuten. Seine unterkühlt reizvollen Formate widersetzen sich jeder theoretischen Vereinnahmung. Entwicklungspotenzial liegt in der Variation verborgen. Fertiges dient dabei als Handapparat, die Abweichungen im Neuen auch lesen bzw. belegen zu können.

Herbert Brandl schließlich erprobt bildgebende Verfahren, nimmt unter den Erwähnten die vielleicht methodischste Position ein. Fotos etwa sind ihm Anlassfälle, zu erproben, auf wie viele Elemente sich ein Bild reduzieren lässt und dennoch als Landschaft, als Berg, als Wald erkennbar bleibt. Wo liegt der Kipppunkt zischen dem Wiedererkennungswert als Gegenstand und der rein emotionalen Wirkung als Farbfeld? Herbert Brandl sucht nach der Essenz bildgebender Verfahren – etwa wenn er malend fragt, was Monumentalität eigentlich ausmacht.

"China retour" zeigt, wozu es kommen kann, zeigt Wege zur Flachware, zeigt, dass gegenwärtig ist, was gegenwärtig produziert wird. In China retour ist es durchaus spannend Bohatsch, Brandl, Damisch, Scheibl, Vopava und Zitko nebeneinander zu sehen. Und doch "leidet" die Generation darunter, stets im internen (nationalen) Wettbewerb wahrgenommen zu werden. Bleibt abzuwarten, wie einzelne Arbeiten sich in durchaus auch medienübergreifenden internationalen Sammlungen "bewähren". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.12.2005)

Von
Markus Mittringer

Link

mumok.at

Bis 19. Februar

  • Walter Vopava bei "China Retour"
    foto: mumok

    Walter Vopava bei "China Retour"

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