Wirtschaftskriminelle sind meist eigene Manager

15. Dezember 2005, 19:24
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Der "typische Wirtschaftskriminelle" kommt in Österreich laut Umfrage in 59 Prozent der Fälle aus eigenen Reihen - Unterschlagungen und Diebstähle häufig, Bilanzfälschung kaum Thema

Wien - Die Täter brechen nicht in der Nacht ein, sondern sind meist schon im Unternehmen tätig - aber nicht als Kriminelle sondern im mittleren oder Top-Management. Denn der "typische Wirtschaftskriminelle" kommt in Österreich nicht von außen, sondern in 59 Prozent der Fälle aus den eigenen Reihen. Dies hat das Wirtschaftsprüfungsunternehmen PricewaterhouseCoopers (PwC) in einer Umfrage ermittelt. In Österreich wurden 75 Unternehmen befragt, weltweit wurden 3.634 Befragungen in 32 Ländern durchgeführt.

Laut dem PwC-"Economic Crime Survey" gaben in Österreich 45 Prozent der befragten Führungskräfte an, dass ihr Unternehmen innerhalb der vergangenen zwei Jahre Opfer von Wirtschaftskriminalität wurde. (2003: 43 Prozent, 2001: 20 Prozent). Der Anstieg sei aber nicht zwingend auf höhere Kriminalität, sondern auch auf die gestiegen Sensibilisierung und geringere Toleranz für Graubereiche im Wirtschaftsleben zurückzuführen, hieß es bei einer Pressekonferenz am Donnerstag in Wien.

Unauffällige Kriminelle

Als "unauffällig" beschreibt Friedrich Rödler, Senior Partner von PwC-Österreich die Wirtschaftskriminellen: Österreichs Unternehmen machten mit fast 60 Prozent noch häufiger als andere die Erfahrung, dass der Täter aus den eigenen Reihen komme. Der "typische Täter" sei männlich (93 Prozent), im mittleren oder Top-Management (64 Prozent), zwischen 31 und 50 Jahren alt (73 Prozent) und gebildet. Im weltweiten Durchschnitt hingegen seien nur 50 Prozent der Täter die eigenen Mitarbeiter, nur 83 Prozent sind Männer.

Als Motive für den kriminellen Akt gegen das eigene Unternehmen werden von den Befragten mangelndes Unrechtsbewusstsein, ein zu aufwendiger Lebensstil und zu geringe interne Kontrollen vermutet. Das mangelnde Schuldbewusstsein von Tätern nach dem Motto "Eigentlich stand es mir ja zu" nannte Dorotea Rebmann von PwC Wien als typisch. Entlassung oder Karriereknick wurden kaum als Grund gesehen. Die Täter selber wurden allerdings nicht zu ihren Motiven befragt.

Überdurchschnittlich häufiger Diebstahl

Auch bei den Delikten fallen die Antworten der österreichischen Unternehmen aus dem internationalen Rahmen: Überdurchschnittlich häufig werden Unterschlagungen und Diebstähle entdeckt (Österreich: 76 Prozent, weltweit 62 Prozent). Die entdeckten Fälle von Produktpiraterie und Industriespionage sind seit der letzten PwC-Umfrage 2003 von 25 Prozent auf 30 Prozent angestiegen. Auch damit liege Österreich über dem weltweiten (25 Prozent) Durchschnitt.

Bilanzfälschung hingegen scheint in Österreich kaum ein Problem zu sein: Nur 9 Prozent der Befragten sagten, in ihrem Unternehmen habe es in den letzten zwei Jahren einen Fall von Falschbilanzierung gegeben (Westeuropa: 22 Prozent, weltweit: 25 Prozent). Unter den in Österreich befragten Unternehmen waren weniger börsenotierte Unternehmen als im internationalen Schnitt. Falschbilanzierung werde in Österreich auch oft nicht als Delikt gesehen, so Rebmann: Wer sich durch zu hoch gebildete Rückstellungen ärmer mache, begehe nach den vorsichtigen HGB-Regelungen kein Delikt.

Hohe Schäden

Der angerichtete Schaden ist laut Unternehmensangaben jedenfalls groß: 14 Prozent der Befragten gaben den erlittenen Schaden zwischen einer und 10 Millionen Euro an, in 69 Prozent der berichteten Fälle lag der finanzielle Schaden zwischen 10.000 und 250.000 Euro. Da nur in 13 Prozent der berichteten Fälle niemand außerhalb des Unternehmens von der Tat erfuhr, sei auch der Imageschaden oft beträchtlich.

Die PwC-Wirtschaftsprüfer haben ein eigenes "forensisches Team" gebildet, das den Verdacht auf Unregelmäßigkeiten innerhalb von Unternehmen untersuchen kann. Der Abschlussprüfer spiele nämlich bei der Aufdeckung von Wirtschaftsdelikten keine nennenswerte Rolle: Er prüfe die Darstellung der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage im Jahresabschluss, durchsuche aber nicht das gesamte Unternehmen nach kriminellen Vorkommnissen. Für diese Untersuchungen im Auftrag der Unternehmensführung gebe es allerdings auch manchmal andere Gründe, schilderte Rebmann: So könne es auch vorkommen, dass ein neues Management das alte "mit Schmutz bewerfen" wolle. (APA)

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