Sollen die Zivis abgespeist werden?

10. Februar 2006, 11:56
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Werner Kerschbaum, stellvertretender Generalsekretär des Roten Kreuzes zur Verpflegungsregelung für Zivildiener

derStandard.at: Nach Medienberichten haben sich Innenministerin Liese Prokop und die größten Zivildienst-Träger am Mittwoch grundsätzlich auf eine Verpflegungs-Regelung geeinigt. Sehen Sie das auch so?

Kerschbaum: Geregelt ist eigentlich noch gar nichts. Man hat sich gestern ein Ziel gesetzt, das ist alles. Die Frau Minister hat einerseits versprochen, dass sie für alle Forderungen, die rückwirkend kommen und die im Extremfall bis zu 116 Millionen Euro betragen können, im Verbund mit dem Finanzministerium finanziell aufkommen wird. Das haben wir dankend zur Kenntnis genommen.

Was andererseits die zukünftige Regelung des Verpflegungsgeldes betrifft, hat es Absichtserklärungen gegeben. Die Trägerorganisationen werden sich in einem Testablauf im nächsten halben Jahr anschauen, für wie viele Zivildiener eine komplette oder teilweise Naturalverpflegung möglich ist, was sie kostet und wie viele Zivildiener in den Genuss dieser Geldleistung kommen werden.

Das Ministerium geht davon aus, dass eine Vollverpflegung um 6 Euro pro Tag möglich sein wird. Wir halten das allerdings für eine utopische Vorstellung. Mit allen indirekten Kosten rechnen wir mit etwa 10 bis 12 Euro pro Person und Tag, also etwa die Kosten, die das Ministerium als Geldleistung anpeilt. Gestern war da von 11,26 Euro die Rede.

derStandard.at: Wie kommt das Innenministerium auf 11,26?

Kerschbaum: Die 11,26 sind angelehnt an den Satz von 155 Schillingen von vor sechs Jahren. Fraglich ist, ob nicht hier schon das nächste VfGH-Urteil heraufbeschworen wird und Zivildiener eine Valorisierung des Wertes fordern.

derStandard.at: Hat das Rote Kreuz die Infrastruktur für Vollverpflegung?

Kerschbaum: Im Sinne der Naturalverpflegung könnten bei uns etwa 40 Prozent der Zivildiener einmal bis zweimal täglich versorgt werden. Verpflegung ist auf jeden Fall die kompliziertere Variante. Das Diktat der leeren Kassen gebietet aber, dass wir dem Wunsch des Zahlers nachgehen und zumindest einen Testlauf einleiten.

derStandard.at: Warum sind die Zivis den Trägerorganisationen keinen Cent wert?

Kerschbaum: Wir haben immer gesagt: "Nicht wir brauchen Zivildiener, sondern die Gesellschaft". Wenn uns die Republik Österreich Zivildiener zur Verfügung stellt, und die uns keine Kosten verursachen, beschäftigen wir sie gerne sinnvoll im Rahmen unserer Möglichkeiten. Wir bekommen ja ein gewisses Entgelt, aus der wir Dinge wie Versicherungsleistung, Uniformen und Taschengeld bezahlen. 180 Euro waren in diesem Gesamtbetrag von 436 Euro bisher die Verpflegungspauschale. Wenn diese Pauschale jetzt verdoppelt wird, kann das nicht aus unserer Tasche kommen.

derStandard.at: Sie brauchen keine Zivildiener?

Kerschbaum: Ich halte den Zivildienst für eine äußerst sinnvolle Einrichtung. Die Zivildiener sind aber eine Personalsubvention einiger junger Österreicher an die Gesellschaft. Wenn wir uns als Gesellschaft aus irgendwelchen gegen den Zivildienst entscheiden, gibt es zwei Varianten: entweder gibt es die zusätzlichen Leistungen nicht mehr oder die Mehrkosten müssen von der Gesellschaft oder den Patienten selbst getragen werden.

derStandard.at: Wie schaffen es private Blaulichtorganisationen wie das Grüne Kreuz ohne Zivilidiener die gleiche Qualität zum gleichen Preis anzubieten?

Kerschbaum: Sie schaffen es, weil sie sich auf Ballungsgebiete konzentrieren und nicht rund um die Uhr anbieten. Versuchen Sie einmal, dort in der Zeit zwischen 20 und 6 Uhr anzurufen, da läuft ein Tonband, das wiederum auf Organisationen wie uns verweist.

(Siehe: Reaktion des Grünen Kreuzes - "Rund um die Uhr tätig")

derStandard.at: Würden Sie nicht lieber von einem Profi als von einem Teenager betreut werden?

Kerschbaum: Ich möchte von jemanden betreut werden, der eine Hand dafür hat. Mit der Zivildienst-VerwaltungsgesmbH kommen die Zivildiener in über 90 Prozent der Fälle dorthin wo sie hingehen wollten. Die Fehlbelegungsquote ist aus meiner Sicht sehr gering. Pflegeleistungen machen die Zivildiener ohnehin nicht.

derStandard.at: Egyd Gstettner rief im Standard-Gastkommentar die Zivildiener quasi zum kollektiven Krankenstand auf. Was würden Sie tun?

Kerschbaum: Dringend unseren Caterer wechseln. Ich kann schon verstehen, dass Zivildiener mit der Verpflegsgeldregelung unzufrieden sind. Ich zahle nicht aus Mutwilligkeit sechs Euro, ich weiß, dass das das Gegenteil einer guten Entlohnung ist. Wir müssen aber zu einer Regelung kommen, in der sich die öffentliche Hand dazu bekennt, dass der Zivildienst für die Gesellschaft attraktiv ist und deswegen entsprechend bezahlt werden muss.

Werner Kerschbaum ist stellvertretender Generalsekretär der Roten Kreuzes, das mit 5.000 hauptberuflichen, 3000 Zivildienern und mehr als 45.000 freiwilligen Mitarbeitern zu den größten Rettungsorganisation in Österreich gehört.

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