"Schweige-Kanzler" ist das Wort des Jahres 2005

15. Dezember 2005, 11:35
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"Negativzuwanderung" zum Unwort des Jahres gekürt - "Österreich ist frei" als Ausspruch des Jahres

Wien - "Schweige-Kanzler" ist zum "Wort des Jahres 2005" gekürt worden. In ihrer Begründung attestierte die sechsköpfige Jury rund um den Grazer Univ.-Prof. Rudolf Muhr vom Institut für Germanistik dem Bundeskanzler innerhalb der politischen Diskussion eine gewisse "verbale Sparsamkeit". Zum Unwort des Jahres wurde das in sich widersprüchliche Wort "Negativzuwanderung" gewählt und beim Ausspruch des Jahres wurde ein legendärer Satz quasi neu entstaubt: "Österreich ist frei".

Der Begriff "Schweige-Kanzler", mit dem Wolfgang Schüssel (V) immer wieder vor allem von Seiten der Opposition tituliert wurde, löst heuer die "Pensionsharmonisierung" - das Wort des Jahres 2004 - ab. Er thematisiere einen "Widerspruch zwischen den Erwartungen, die an ein zentrales politisches Amt gestellt werden und dem zuweilen gegenläufigen Eindruck, der in der Öffentlichkeit hinsichtlich der zurückhaltenden Mitteilungsbereitschaft seitens des Regierungschefs zu manchen aktuellen politischen Fragen entstanden ist", hieß es in der Jury-Begründung.

Wortzusammensetzung

Sprachlich gesehen handelt es sich um eine Wortzusammensetzung, bei der das Bestimmungswort "Schweigen" in Widerspruch zum Grundwort "Kanzler" steht, wodurch eine gewisse Spannung erzeugt wird, so Muhr. Wie die Recherche in der APA-Datenbank zeigte, kam das Wort zwar in den Medien nicht häufig vor, wurde aber von den Internetwählern und darauf basierend von der Jury vor "Vogelgrippe" an erste Stelle gereiht. Weitere Favoriten waren "Parallelgesellschaft" und "gefühlte Inflation".

Unwort des Jahres

Zum diesjährigen Unwort wurde die "Negativzuwanderung" gewählt, dicht gefolgt von "Voting", "Der Speck!" und "vor Ort". "Negativzuwanderung" verhülle in mehrfacher Weise den gemeinten Inhalt und drücke einen deutlichen Widerspruch in sich aus, so die Jury in ihrer Begründung.

Ausspruch des Jahres

Beim Ausspruch des Jahres sei die Wahl der Jury einstimmig auf "Österreich ist frei" gefallen, weil dieser Spruch für die Alpenrepublik "Frieden, Freiheit und Demokratie bedeutet. Er symbolisiert 50 Jahre Unabhängigkeit von fremden Mächten und eine kontinuierliche Entwicklung zu mehr Wohlstand." In der Rangordnung der Un-Sprüche nehmen "Geiz ist geil!", "Der Speck muss weg!" und "Pummerin statt Muezzin!" die ersten drei Plätze ein.

>>> Das "Wort des Jahres" wird in Österreich seit sechs Jahren gewählt.

Seit sechs Jahren wählt Österreich sein eigenes "Wort des Jahres". Während es zuvor nur ein quasi für alle Deutschsprachigen gültiges Wort gab, das von der Gesellschaft für deutsche Sprache ermittelt wurde, hat Univ.-Prof. Rudolf Muhr vom Institut für Germanistik der Universität Graz gemeinsam mit der APA - Austria Presse Agentur im Jahr 1999 die österreichische Variante aus der Taufe gehoben.

Kriterium bei der Wahl ist, dass das Wort die öffentliche Diskussion in Österreich geprägt hat. Für das "Unwort" gilt, dass ein Missverhältnis zwischen Wort und Sache oder ein beschönigender, bürokratischer und herabwürdigender Sprachgebrauch gegeben sein soll. Die Wahl zum Wort des Jahres durchläuft nach Angaben von Muhr mehrere Stufen.

"Zehnervorschlag"

Zunächst wird anhand der APA-Datenbanken nach häufigen Begriffen in der Berichterstattung der österreichischen Medien gesucht, bevor via web weitere Vorschläge eingeholt werden und die Jury einen "Zehnervorschlag" erstellt. Über diesen wird dann ebenfalls im Internet und zuletzt von den Grazer Wissenschaftern abgestimmt. Die Nennungshäufigkeit in den Medien ist zu diesem Zeitpunkt kein Kriterium mehr. "Heuer fiel die Wahl mit 'Schweigekanzler' im Vergleich etwa zu 'Vogelgrippe' auf einen eher selteneren Begriff, der aber offenbar die Leute beschäftigt und auch sprachwissenschaftlich interessant ist", so Muhr.

Die Wörter

Ein Streifzug durch die vergangenen fünf Jahre zeigt, was die Österreicher seit 1999 bewegte: Mit "Sondierungsgespräche" wurde zum ersten Mal ein österreichisches Wort des Jahres gewählt. "Schübling" als erstes Unwort drückte eine Verniedlichung und Entpersonalisierung der so bezeichneten Person, des Schubhäftlings, aus, hieß es damals in der Begründung der Jury.

Auch im folgenden Jahr entstammte das "Wort des Jahres", nämlich "Sanktionen", dem politischen Bereich. Zum Unwort wurde "soziale Treffsicherheit" auf Grund seiner negativen Mehrdeutigkeit gewählt.

... "Nulldefizit" ...

2001 fiel die Wahl auf "Nulldefizit", ein Wort, das damals ein zentraler Begriff in der innenpolitischen Diskussion war. Das Unwort 2001, "Nichtaufenthaltsverfestigte", wurde als Steigerung der Bezeichnung "Schübling" qualifiziert.

"Teuro" stand im Jahr 2002 für die besondere Wirkung der Euro-Bargeldeinführung, die sich in jenem Jahr deutlich abzeichnete. Zum Unwort wurde der Begriff "Rücktritt vom Rücktritt" erkoren. Erstmals wurde in diesem Jahr auch ein "Spruch des Jahres" ermittelt, nämlich das zu einem geflügelten Wort avancierte "Bin schon weg - bin schon wieder da!"

... "Hacklerregelung"

2003 schaffte es die "Hacklerregelung" auf das Podest des urösterreichischen Wortes und "Besitzstandswahrer" wurde zum Unwort erklärt, wo es im folgenden Jahr von den von Altbischof Kurt Krenn geprägten "Bubendummheiten" abgelöst wurde.

"Kinder statt Partys" - eine Äußerung von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) - wurde 2003 zum Ausspruch gewählt und 2004 erhielt eine Schlagzeile aus der "Kleinen Zeitung" die Ehre, nämlich "Der Glücksfall namens PISA: Endlich ist Bildung ein Thema". Wort des Jahres wurde im Vorjahr "Pensionsharmonisierung". (APA)

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    "Schweige-Kanzler" ist das "Wort des Jahres 2005" - mit dem Begriff wurde Wolfgang Schüssel (V) immer wieder vor allem von Seiten der Opposition tituliert.

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