Palast im Dunkeln

25. Dezember 2005, 19:29
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Der Wiener Rathauskeller wurde renoviert und hat nun eine Vinothek mit richtig teuren Weinen

Ins Wirtshaus im Rathaus geht man als Wiener eher selten - es sei denn, man ist Tourist, Kongressteilnehmer, oder kommt mit dem Bürgermeister. Der verfügt in den Katakomben des "Rathauskellers" über sein privates "Ratsherrenstüberl", das er, glaubt man dem Kellner, auch extensiv nutzt: "Das ist dem Herrn Bürgermeister sein zweites Wohnzimmer."

Dass der Individual-Wiener sich hier so rar macht, ist beinahe schade. Nicht nur überbieten sich die unterirdischen Säle, Hallen und Gangfluchten in neugotischer Prachtentfaltung, dass einem fast schwindlig wird - besonders nach der Generalsanierung, wegen der fast ein Jahr zu war. Man kann es hier auch durchaus lustig haben - auch im Keller darf man lachen. Fenster gibt es halt gar keine, da sollte man nicht empfindlich sein. Insbesondere der Rittersaal mit Gewölben, Fresken, Kandelabern und 200 spanischen Rentnern in bemerkenswerter Trinklaune verfehlt seine Wirkung nicht: Hier hilft nur Mittrinken und Vergessen.

Bier und Wein

Nun gibt es zwar Ottakringer, das eigentliche Thema ist seit der Renovierung aber der Wein: Nicht zuletzt auf Anregung des Bürgermeisters ließ das Verkehrsbüro als Betreiber eine ziemlich heftig bestückte Vinothek einrichten. Da gibt es jetzt viel Wein aus Wien - derzeit sehr angesagt -, aber auch sonst einiges.

Sommelier Gerhard Stöhr, der, wenn der Bürgermeister im "Ratsherrenstüberl" verweilt, "persönlich für ihn zuständig" ist, hat vieles, was im Lande gut und teuer ist, auf Lager. Und dazu einige ziemlich vornehm klassifizierte Flaschen aus Bordeaux, Edles und sehr Rares aus dem Piemont (etwa Angelo Gajas Nebbiolo "Sperss" 1999, € 521,-), aber auch Mondänes wie Opus One 2001 von Mondavi (€ 422,-).Wer derartige Trophäen-Weine im Rathauskeller verzwitschern soll, wo unsichtbar und doch gegenwärtig stets die schwere Last des darüber gelegenen Amtes auf einen niederzudrücken scheint, bleibt freilich Spekulation.

Backhendl, Erbsenreis, Erdäpfelsalat

Der Verkauf der Wiener Flaschen scheint hingegen gut anzulaufen, die "Caballeros" am Nebentisch sind von Zahels Gemischtem Satz mit Recht angetan. Der passt auch zum Essen, das, allen Befürchtungen zum Trotz, mehr als in Ordnung ist. Das halbe Backhendl mit frittierter Petersilie, Erbsenreis und Erdäpfelsalat etwa ist tadellos paniert, die Brust besonders saftig, die Leber zart rosa. Schade, dass die Erdäpfel im Salat halb roh sind, ansonsten wäre das (inklusive der zwei Sättigungsbeilagen) ein ziemlich aussagekräftiges Beispiel lokaler Leibgerichte.

Die "Schnitte von der Rostbratenried ,Alt-Wien' mit gebackenen goldgelben Zwiebelringen, grünen Bohnen, Speckgrammeln und gebratenen Erdäpfeln" erweist sich, trotz der tief zum deutschen Gast hinabgebeugten Speiskarten-Poesie, als tadelloser Zwiebelrostbraten samt obligater Fächergurke. Bloß die Speckfisolen, fett und doch geschmacklos, hätte man sich sparen können.

Man muss sich also nicht weiter Sorgen machen - den Touristen geht es ganz gut im Rathauskeller, dem Bürgermeister auch. Ab Ende Dezember soll einer der kleineren Säle gar zum hochfeinen Restaurant mutieren, mit Koch aus dem Steirereck und täglich zwei Sieben-Gang-Menüs zur Wahl. Wer dafür wohl in den prächtigen Keller hinabsteigt?
(Severin Corti/Der Standard/rondo/16/12/2005)

Fotos:
Gerhard Wasserbauer

Rathauskeller
Rathausplatz 1
1010 Wien,
Tel.: 01 / 405 12 0
Mo-Sa 11.30-15
und 18-23 Uhr
VS € 3.30-11,40
HS 8,30-18,20
  • Artikelbild
    foto: gerhard wasserbauer
  • Im mächtigen Rittersaal feiern spanische Rentner ab, der Bürgermeister aber hat sein ganz privates Stüberl.
    foto: gerhard wasserbauer

    Im mächtigen Rittersaal feiern spanische Rentner ab, der Bürgermeister aber hat sein ganz privates Stüberl.

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