Volkslieder durchs Megafon

22. Dezember 2005, 17:07
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"Hier ist das Paradies", sagen die Städter. Mit einem Dissidenten durch die vergessenen Dörfer rund um Guilin. Notizen aus China von Florian Klenk

Natürlich bereitest du dich auf so eine Reise vor, versuchst dir die Namen all dieser Megacitys zu merken, die in den vergangenen Jahrzehnten aus dem Boden wucherten und doppelt so groß wie Paris sind. Du kaufst dir zweisprachige Stadtpläne für die Taxifahrer, die dich sonst nicht verstehen werden. Du steckst dir das "Ohne-Wörter-Buch" ein, das mit den Bildern für alle Lebenslagen. Du lässt dir, weil du Vorurteile hegst, von der chinesischen Freundin in Wien nützliche Schriftzeichen aufmalen: "Keinen Hund bitte!" und solche Sachen.

Und dann sitzt du also da, in diesem Gastgarten in Kanton, rote Lampions spiegeln sich in einem künstlichen See, und die Chinesen lachen, schmatzen, spucken und rülpsen beim Essen, wie du es noch nie erlebt hast. Auf dem Tisch brodelt dein Suppentopf, darunter zischt diese rostige Gasflasche, die ihn befeuert.

Dann kommt die Bedienung, du lächelst zurück, zückst das "Ohne-Wörter-Buch" und zeigst ihr das Bild mit den Fischen. Sie aber deckt den Fisch so ab, sodass nur noch der Kopf zu sehen ist - und lächelt. Dann bringt sie den Teller mit zehn Fischköpfen. So also ist China.

Erste Nacht in Kanton

Es gibt hier noch Märkte, in denen es so scharf riecht, dass die Nase brennt. Du kennst die Tiere nicht mehr, die hier vor deinen Augen kunstvoll in Stücke geschlagen und in Zeitungspapier gepackt werden. Du verirrst dich, weil du die Straßenschilder nicht mehr lesen kannst. Es dampfen die Bambuskörbe mit den köstlichen Teigtaschen.

Kanton sollte man noch schnell besuchen. Es wird gerade gnadenlos umgelegt. Die Chinesen, die vor ihren alten Häusern dösen, handeln, spielen und keifen, werden durch Bürotürme ersetzt. So ist es überall in China. Zuerst werden die Leute an den Stadtrand abgesiedelt, wenn es sein muss mit Zwang. Dann kommt eine Mauer mit Mao-Parolen um den dörflich wirkenden Stadtteil. Und dann, hack, zack, prack, sieht es wie nach einem Bombenangriff aus und es gibt wieder Platz für die abenteuerlichen Visionen chinesischer und europäischer Architekten.

Vor dem Einschlafen "Vermischte Meldungen" aus der South China Morning Post gelesen. Chronikspalten aus der Welt der Bauern: Ein Fischer will die Parteikader seines Dorfes in den Fluss werfen, weil das Wasser dort wegen der benachbarten Fabrik nun "wie Sojasoße" aussieht. Der Bürgermeister von Shenzen, einem Dorf, das binnen weniger Jahre zur Millionenstadt wuchs, lässt die illegalen Hütten von tausenden zugereisten Bauern am Stadtrand mit Baggern wegräumen. In Peking sollen am Nationalfeiertag zehntausend protestierende Bauern verhaftet und kurzfristig in ein Stadion gesperrt worden sein.

Nach einer Nacht im Zug

Aufwachen in Guilin nach einer Nacht im Zug. Im Zugrestaurant Ente mit Zwetschken. Am Bahnhof kommandieren Schaffner die Fahrgäste mit Megafonen über die Bahnsteige. Hier in Guilin ist das Paradies, sagen die Chinesen. Am Morgen hörst du unheimliche Schreie vom Li Jiang, diesem prächtigen Fluss, der auf so vielen chinesischen Zeichnungen als Kulisse dient. Du schaust aus dem Fenster. Es sind die Alten im Park. Sie laden unten am Fluss, in dem die Kormorane und Wasserbüffel ruhen, Energie für ihren Tag.

Ihre Übungen bestehen daraus, auf den Kopf zu klopfen, zu schreien, auf einer Stange zu schwingen, im Baum zu hängen, mit den Hüften und mit dem Kopf zu kreisen, sich an der Nase zu ziehen, die Oberarme abzuklopfen, die Knie zu reiben, mit Stäbchen auf Tellern zu klimpern, laut zu musizieren, in einer Höhle zu brüllen, Federball zu spielen.

Nahe der Touristenstadt Yangshou

In dieser Landschaft muss man ein Rad oder ein kleines Fischerboot mieten, den Fluss entlangfahren, vorbei an Zipfelmützenbergen und Felsnasen, an Bauern, die mit ihren Bambusflößen und Kormoranen am Ufer warten. Ein Mann mit Cowboyhut sitzt in seinem kleinen, staubigen Krämerladen nahe der Touristenstadt Yangshou und verkauft Cola. Er spricht perfekt Englisch, und das ist ungewöhnlich hier.

Wang, wie wir den Mann zu seiner Sicherheit nennen (wir reisen durch den weltgrößten Polizeistaat, und er will auch nicht fotografiert werden), wäre gerne fortgegangen, wollte in Peking Historiker werden, forschte, warum Chinas Kaiser fielen und warum Bauern gegen korrupte Behörden kämpften. Nun muss er neben grunzenden Schweinen ausharren.

Vor sechzehn Jahren, als sich Pekings Studenten am Platz des Himmlischen Friedens erhoben, hatte auch er ein wenig Demokratie eingefordert. "Viele von uns wurden verhaftet, manche erschossen, manche im Gefängnis zu Tode gequält. Ich hatte noch Glück", sagt Wang und zieht sich den Cowboyhut ins Gesicht. Das Regime hatte den Denker von der Universität verbannt, für einen Hungerlohn als Lehrer in die Dorfschule seiner Heimat geschickt.

Der einst so einsame Verbannungsort hat sich in eine der beliebtesten Touristenregionen Chinas verwandelt. Stück für Stück wird die zauberhafte Landschaft erschlossen. Morgens kommen hunderte Busse hierher, spucken die Chinesen aus Kantons Hochhäusern aus, die hier die Idyll suchen. Dann sitzen die Aufsteiger in ihren kurzen Hosen mit Bügelfalten wie kleine Kaiser auf Flößen, und Mädchen in rosa Tracht trällern ihnen Volkslieder durchs Megafon.

Suche nach Kitsch

Wang, der verbannte Historiker, blickt auf die Szenerie und sagt: "Die Städter suchen den Kitsch, um die Realität hier am Land zu vergessen." Wang ist auch in der Verbannung Dissident geblieben. Heute arbeitet er als Journalist für ein Lokalblatt und notiert die Alltagsgeschichten aus jenen umliegenden Dörfern, die der Tourismus noch nicht erreicht hat.

Seine Reportagen handeln von einer anderen Welt - von den Dörfern, die der ökonomische Aufschwung nicht erreicht hat, von der "sozialen Apartheid", wie das Chinas Politologen nennen. "Ich zeige euch das Dorf, da oben", sagt Wang.

Die Wanderung führt über einen schmalen, steilen Waldpfad in eine von dicken Mauern geschützte Siedlung, die sich hoch oben auf einem Plateau versteckt. Die Festungsanlagen sind tausende Jahre alt, sagt Wang. In jeder Himmelsrichtung ein Tor. Rund ums Dorf liegen die versteckten Eingänge riesiger Höhlen, in denen sich die Dörfler vor Gefahren schützten.

Sie hatten allen Grund dazu

Im Zweiten Weltkrieg wüteten hier die Japaner. Dann kamen Maos Rotarmisten. Und jetzt die Bürokraten. Li, ein Bauer von 32 Jahren, sitzt auf dem verdorrten Feld neben seiner stotternden Bewässerungsanlage und schweigt. Er tut das jeden Tag. "Er kann sein Dorf nicht mehr verlassen", sagt Wang. Li hatte zwei Töchter und zeugte dann noch einen Sohn, der ihn später ernähren sollte. 2000 Euro müsste der Bauer für das Verbrechen bezahlen, denn die Behörden gestatten Bauern nur zwei Kinder. Weil Li aber nur ein zerrissenes Hemd und einen Büffel besaß, zerstörten die Kader sein Haus und schlachteten den Büffel.

Der Weg zurück führt durch breite Reisterrassen, durch Felder, aus denen roter Chili leuchtet. Vor den Toren des Dorfes schlagen Männer eine neue Bergstraße in den Fels. Sie hacken Steinplatten aus dem Berg, schleppen Lehm und Erde heran. Der Staat, der so omnipräsent ist, der die höchsten Wolkenkratzer Asiens baut, er verabschiedet sich, wenn es um die Wünsche der Bauern geht.

Zwanzig Kilometer müssen die Kinder hier marschieren, um die nächste Schule zu erreichen. Ein Schulbus? Wang lacht. Nicht hier. Gibt es Hoffnung? Ja, sagt Wang. Es gibt auch Dörfler, die es geschafft haben. Nur ein paar Kilometer entfernt von seinem Krämerladen lebt Kim in ihrer zu einer Pension umgebauten Reismühle, klopft E-Mails in den Computer.

Von fortschrittlichen Experten hatte sie etwas von "sanftem Tourismus" gehört, dann diese kaputte Mühle gekauft und sie sanft renoviert. Zunächst hielten sie alle für verrückt. Doch als die ersten Reisenden aus dem Westen kamen und ihr Geld hinlegten, entdeckten auch die Behörden das Geschäft und wollten Kim enteignen. Sie aber setzte sich durch. Das hat sie gelernt. Der Vater, erzählt sie, wollte sie in den Wald legen, weil sie das sechste Mädchen war. Der Onkel rettete sie. Dann verabschiedet sie sich, weil sie zum Joggen geht. Sie läuft durch die Abenddämmerung. Im Wald flackern rote Kerzen. Die Gräber des Dorfes. Eine Alte schaut ihr verwundert nach. In einem Häuschen singt ein Junge laut Karaoke. So irgendwie ist China. (Der Standard/rondo/16/12/2005)

Anreise:
Z. B. mit der Austrian

Einreise:
Zur Einreise benötigt man ein Visum, das bei der chinesischen Botschaft erhältlich ist

Währung:
1 Euro=9,5 Yuan
  • Bei der Reisernte in Guilin.
    epa/qilai shen

    Bei der Reisernte in Guilin.

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