Rot sehen unterm Baum

26. Dezember 2005, 12:50
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Warum es endlich wieder erlaubt ist, zu Weihnachten Kaffeemaschinen, Toaster und Barttrimmer zu schenken, und zwar bunte

Gleich vorweg: Schöner war eine Kaffeemaschine vielleicht nie mehr: Die Rede ist vom Aromaster KF 20 von Braun aus dem Jahr 1972. Das Design stammt von Florian Seiffert und der Nippel obendrauf ist eine Design-Metapher, die an das hochgezogene A des Braun-Schriftzugs erinnert. Die Maschine hat diese gewisse Duplohaftigkeit, die uns gleich zum Spielen einlädt. Man möchte am liebsten das Deckelchen abnehmen und Kaffee brühen. Viele, viele Tassen. Und nach einem Durchlauf durch den Aromaster KF 20 würde uns jeder noch so amerikanische, noch so wässrig transparente Filterkaffee tatsächlich schmecken.

In den 70er-Jahren noch en vogue

Vielleicht waren in den 70er-Jahren Haushaltsgeräte unter dem Christbaum noch en vogue? Immerhin waren sie damals neu und innovativ - und nicht selten unbezahlbar. Doch die generelle Dauerdemokratisierung führte im Laufe der Jahrzehnte zu einer sinkenden Preisgestaltung am Haushaltsgerätesektor; diese wiederum ist schuld daran, dass es längst keinen schlanken Fuß mehr macht, zu Weihnachten eine elektrische Zahnbürste oder ein Dampfbügeleisen zu schenken.

Hinzu gesellt sich die aufkeimende Geschlechterdemokratie rund um Haus und Herd, die das Übergeben von elektrischen Küchenhelfern einmal mehr nahezu unmöglich gemacht hat. Glückliche Hausfrauen in gestärkten weißen Schürzen haben einem festlich drapierten, elektrischen Fleischmesser vielleicht noch etwas abgewinnen können, Tochter und Enkelin tun das nicht mehr und sind damit hinter keinem Christbaum mehr hervorzulocken.

Auch die komplexen Kosmetik-Erfindungen der 80er- und 90er-Jahre, die die Fachabteilungen der Kaufhäuser um elektrische Körperpflege-Apparate bereichert haben, helfen diesbezüglich nicht wirklich weiter. Wer will schon einen Nasenhaartrimmer unter der Tanne hervorziehen, den er längst schon sein Eigen nannte - bloß nie darüber sprach? Wer braucht tatsächlich elektrische Hornhautschleifmaschinen und Massagestäbe aus dem Quelle-Katalog?

Mittlerweile wissen wir:

Jedes noch so unsinnig erscheinende Helfer in Küche und Bad muss fesch sein, um sich gegen den Rest der Elektrik zu behaupten. Und plötzlich hält - als eindeutiger Abschluss der öden Alles-Weiß-Epoche - die Farbe wieder Einzug in den Alltag unserer Sanitär- und Küchenräume: Rasierer und Fön kommen in sündigem Rot-Métallisé daher, andere bedienen sich einer poppigen Formensprache und lassen hinter pink transparenten Kunststoffabdeckungen das Innenleben von Rasierern und Haarglättstäben hervorlugen.

Das Herzklopfen, das uns der Aromaster 1972 noch bescherte, hören wir zwar nicht mehr in uns pochen, dennoch gelingt es manchen Unternehmen, ihre farblosen Mitwerber in den grauen Schatten zu stellen. Toaster dürfen also wieder sexy sein, Wasserkocher kokettieren mit technoid polierter Ästhetik, doch der größte Clou ist dem Comeback der Innovationen zu verdanken. Denn nach langer Zeit der haushaltserfinderischen Rezension pirscht die Technik wieder voran. Und zwar nicht nur mit einzelnen Gerätschaften, sondern mit der gesamten Branche. Fakt ist: Die Technik darf wieder nach Technik ausschauen und muss sich nicht mehr hinter einer gähnend langweiligen Optik der 80er-Jahre verstecken. Hochglanz-Weiß - das braucht kein Mensch mehr. Und diesem Motto frönen endlich auch die Kaffeemaschinen wieder.

Für den Endnutzer heißt das im Klartext:

Der Haushalt wird wieder gemütlich, denn arbeitsame Helfer erleichtern einem die Arbeit nicht nur, sondern mehr noch - sie nehmen einem jeglichen Stress vollkommen ab. Die Firma Electrolux hat das mit jenem selbstfahrenden Staubsauger unter Beweis gestellt, der auf den fossilanmutenden Namen Trilobite hört. In zweiter Generation gibt es das lurchfressende Gefährt mit dem Suffix 2.0 nun, die Nomenklatur folgt ganz der Tradition der Software-Branche. Vollautomatisch, mit Sonar-Reflexion und allem erdenklichen Sensorium-Brimborium ausgestattet, bahnt sich der rote Frechdachs ganz von alleine seinen Weg durch die Wohnung, quer durch den möblierten Dschungel der eigenen vier Wände hindurch.

Es liegt in der Natur seiner Anatomie, dass auch der frisch gebackene Trilobite 2.0 noch immer keine Stufen steigen kann und noch immer nicht bis in die letzten Ecken vordringt, davon hält ihn seine wohlgestaltete Rundung ab. Doch erstens kann man ihm das verzeihen, und zweitens hat man schon eine Vorahnung davon, was die Generation 5.0 dann alles auf die Reihe kriegen wird. Ob die dann auch Kaffee kochen kann?

Man wird sehen. Fest steht, dass Haushaltsgeräte einen Konjunkturaufschwung erleben - vor allem, was ihr Image betrifft. Denn im Gegensatz zu den Zwangsbeglückungen von anno dazumal wird der Beschenkte nicht mehr an den Herd oder - wie charmant - vor den Kosmetikspiegel verbannt, sondern erhält durch ein kleines (womöglich rotes) Präsent unter dem Weihnachtsbaum möglicherweise die ultimative Freikarte fürs Nichtstun. Staubsaugen, Wasserkochen und Epilieren - wofür? Die schweißtreibende Arbeit hat sich heute auf einen einzigen Knopfdruck reduziert und der Rest erledigt sich ganz von alleine. Wenn das nicht schenkungswürdig ist ...
(Der Standard/rondo/16/12/2005)

Von Wojciech Czaja
  • Jedes Haushaltsgerät muss heute auch fesch sein, um sich gegen den Rest der Elektrik zu behaupten. Die Farbe hält deswegen auch wieder Einzug in den Alltag unserer Sanitär- und Küchenräume - als eindeutiger Abschluss der öden Alles-Weiß-Epoche der 80er-Jahre.
    foto: hersteller

    Jedes Haushaltsgerät muss heute auch fesch sein, um sich gegen den Rest der Elektrik zu behaupten. Die Farbe hält deswegen auch wieder Einzug in den Alltag unserer Sanitär- und Küchenräume - als eindeutiger Abschluss der öden Alles-Weiß-Epoche der 80er-Jahre.

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