Krawalle in Sydney: Mythos bricht zusammen

20. Dezember 2005, 08:56
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Viele Australier "ethnischen" Ursprungs sind größere Patrioten als die klassischen "Aussies"

Urs Wälterlin aus Sydney

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Am Strand von Cronulla im Süden der australischen Stadt Sydney patrouillieren Gruppen schwer bewaffneter Polizisten zwischen wenig oder gar nicht bekleideten Bade-Blondinen. Hier ein verstohlener Blick, da ein verschmitztes Lächeln. Doch die Urlaubsidylle trügt. Cronulla ist im Belagerungszustand. Die Restaurants sind leer. Beamte kontrollieren jeden, der an den Strand will, sie sollen eine Wiederholung der Massenkrawalle vom Wochenende verhindern.

Die Kämpfe zwischen tausenden Cronulla-Bewohnern anglokeltischen Ursprungs und randalierenden libanesischstämmigen Australiern aus ärmeren Vororten im Westen der Stadt hielten bis Dienstag an. In der Nacht auf Mittwoch ging eine Kirche in Flammen auf, ein Racheakt randalierender libanesisch-australischer Jugendlicher wahrscheinlich.

Auch in mehreren anderen Städten wurde schon aufgerufen, "unser" Australien gegen den "muslimischen Abschaum" zu verteidigen. Cronulla ist der spektakuläre Zusammenbruch eines Mythos. Über Jahrzehnte hatte Australien der Welt - und sich selbst - ein Bild der Harmonie zwischen verschiedenen Ethnien vorgegaukelt.

Millionen Menschen aus aller Welt

Bis zu einem gewissen Punkt trifft dieses sonnige Porträt zu. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat das Land "Down Under" Millionen Menschen aus aller Welt aufgekommen. Viele Australier "ethnischen" Ursprungs sind größere Patrioten als die klassischen "Aussies": Jene Nachkommen der ersten Weißen, der Sträflinge und Siedler anglokeltischer Abstammung, die die Aboriginal-Ureinwohner vor über 200 Jahren von ihrem Land vertrieben hatten.

Etwa seit den 1960-Jahren blieben negative Gefühle offiziell im Untergrund - doch trotz Jahrzehnten der Multikulturalität sind Ignoranz, Abneigung und purer Rassismus Tradition in weiten Teilen des weißen Australien. Das Feindbild und die Schimpfnamen ändern sich mit jeder Einwanderungswelle. Italiener waren "Wogs", Vietnamesen "Chinks" - und natürlich die Libanesen, die "Lebos".

Politisches Kapital

Doch seit zehn Jahren nutzt der konservative australische Premierminister John Howard geschickt die Ressentiments, um daraus politisches Kapital zu schlagen. Nie direkt, immer versteckt, warnt er vor vermeintlichen Gefahren durch das "andere". Muslimische Asylsuchende aus Asien rückt er in die Nähe von Terroristen und sperrt sie jahrelang in Internierungslager. In Ankömmlingen aus dem Nahen Osten sieht er Rekrutierungsmaterial für Al-Kaida.

Angefeuert wird die Stimmung von einflussreichen Rundfunkmoderatoren; unverhohlenen Regierungssympathisanten, die aus ihrer rechtsextremen Ideologie auf Sendung keinen Hehl machen. Die "Politik der Spaltung", wie sie Kritiker nennen, hat sich für Howard als Segen erwiesen. Während weiße "Aussies" sich gestärkt fühlen in ihrem Glauben, die wahren Träger der Fahne mit dem "Kreuz des Südens" zu sein, wird seine Regierung immer wieder gewählt. Schließlich kann man dank ihr wieder sagen, was man denkt. (Urs Wälterlin aus Sydney, DER STANDARD Printausgabe 15.12.2005)

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    Randalierer legten Feuer in einem Gebetsraum in Sydney

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