UK: Kein Mut gegen Euromythen

19. Dezember 2005, 15:26
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Nüchterne Bilanz der britischen EU-Präsidentschaft

Im Juni, bevor sich Tony Blair anschickte, die EU für sechs Monate als Präsident zu führen, gab er sich noch als couragierter Reformer. Eine "neue ökonomische Richtung" wollte er Europa geben, auf dass es endlich in der Lage sei, die "Herausforderungen der Globalisierung zu meistern".

Sechs Monate später fällt die Bilanz eher nüchtern aus. Auch als EU-Vositzender schaffte es Blair nicht, das zu tun, was er bereits seit 1997 verspricht: Europas Interessen in Großbritanniens genauso wirksam zu vertreten wie Großbritanniens Interessen in Europa.

Auf Konsens mit den Wählern der Mitte bedacht, traut sich die Symbolfigur New Labours nicht, mutig gegen die traditionelle Euroskepsis seiner Landsleute anzureden. Dabei ist es eine Skepsis, die oft durch reine Erfindungen immer neue Nahrung erhält.

Da zetert die Sun, mit 3,3 Millionen Auflage der Branchenriese, die Brüsseler Bürokraten mögen, bitte sehr, ihre gierigen Finger "vom Busen unserer Barmädchen" nehmen: Angeblich dürfen Kellnerinnen kein tiefes Dekolletee mehr tragen, weil ihnen an empfindlicher Stelle ein Sonnenbrand droht, sobald sie einen Biergarten betreten.

Der Daily Star wiederum schlägt tapfer die Schlacht für den schottischen Dudelsack, eine gerüchteweise gefährdete Spezies, zu laut und schrill für verwöhnte europäische Ohren. Alles Unsinn.

Blairs Sicht auf die Union habe sich zuletzt wieder allzu sehr auf das uralte Duell mit Frankreich, dem "süßen Feind", verengt, kritisiert der Oxford-Historiker Timothy Garton Ash. Solange Paris keine weiteren Kürzungen der Agrarsubventionen in Kauf nehme, sei London nicht gewillt, seinen Rabatt aufzugeben, punktum und basta.

Einen Kompromiss in letzter Minute schließt aber auch Garton Ash nicht ganz aus: Wenn das Gipfel-Feilschen in die letzte Runde gehe, "wenn alle gleichermaßen unglücklich sind, dann bekommt Europa am Ende vielleicht einen Deal". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.12.2005)

Frank Herrmann aus London
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