Senioren in den US-Todeszellen

20. Dezember 2005, 10:38
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77-Jähriger war ältester Delinquent - auch 75-Jähriger im Rollstuhl schrieb an Schwarzenegger Begnadigungsgesuch

Trotz weltweiter Proteste nach der Hinrichtung von Stanley Williams wurde in den USA das nächste Todesurteil vollstreckt.

Mit einem 77-Jährigen wurde im Bundesstaat Mississippi der älteste Delinquent seit 30 Jahren mit einer Giftspritze getötet.

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Washington – Für den Vatikan ist die Sachlage klar: "Wir wissen, dass die Todesstrafe kein Problem löst", stellte der Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, Kardinal Renato Martino, nach der Hinrichtung von Stanley "Tookie" Williams in einem Fernsehinterview fest. Und verurteilte das "schreckliche Ereignis" als "Negation der menschlichen Würde". Eine Einschätzung, die der Vatikan auch mit US-amerikanischen Bischöfen teilt.

Zumindest im Bundesstaat Mississippi stieß die katholische Kirche damit auf wenig Gehör. Für Mittwochabend (Ortszeit) war die Hinrichtung des 77-jährigen John B. Nixon terminisiert, eines Auftragskillers, der im Jahr 1985 eine Frau erschossen hatte. Der republikanische Gouverneur Haley Barbou hatte ein Gnadengesuch abgelehnt, nur der Oberste Gerichtshof konnte den Tod des ältesten Delinquenten seit Wiedereinführung der Todesstrafe im Jahr 1976 verhindern.

75-Jähriger im Rollstuhl

Nixon war nicht der einzige über 70-Jährige im Todestrakt. Auch in Kalifornien soll am 17. Jänner das Urteil gegen den 75-jährigen Clarence Ray Allen vollstreckt werden. Der Mann hatte jüngst einen Herzinfarkt erlitten, ist beinahe taub und blind und ist zur Fortbewegung auf einen Rollstuhl angewiesen. Ein Gnadengesuch an Gouverneur Arnold Schwarzenegger blieb vorerst unbeantwortet.

Haltung der Politik

Für die Politik gibt es auch noch wenig Grund, ihre Haltung zu ändern. Fast zwei Drittel der US-Bevölkerung befürworten die Todesstrafe, auch wenn die Zweifel wachsen. Umfragen des Meinungsforschungsinstitutes Gallup zeigen, dass rund 40 Prozent der Bevölkerung glauben, die Höchststrafe werde unfair angewandt, berichtet die Zeitung USA Today – vor allem Angehörige von Minderheiten werden hingerichtet.

DNA-Analyse hat Vertrauen erschüttert

Auch die Fortschritte bei der DNA-Analyse haben das Vertrauen erschüttert. Im Vorjahr wurde in Kalifornien ein 14-köpfiges Senatskomitee eingesetzt, das die Praxis der Todesstrafe durchleuchten soll. Denn seit 1981 wurden sechs Menschen aus den Todeszellen entlassen, als sich deren Unschuld herausstellte.

Bis Ende 2007 soll die Kommission ihre Einschätzung abgeben, Pläne für ein bundesstaatliches Vollstreckungs- Moratorium bis zu diesem Zeitpunkt gibt es. Eine Anhörung dafür ist für den 10. Jänner angesetzt – eine Woche vor der Hinrichtung des 75-jährigen Allen. (moe, DER STANDARD Printausgabe 15.12.2005)

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