"Der müsste ja gestört oder psychisch krank sein"

21. Dezember 2005, 14:26
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Nach der Übernahme der VA Tech wird die neue Siemens-Chefin Brigitte Ederer um Personal­ab­bau nicht herumk­ommen - Wie sie damit umgeht, erklärt sie im STANDARD-Interview

STANDARD: Sie wirkten im Juli schockiert über Ihren Aufstieg zur Siemens-Chefin. Haben Sie sich davon wieder erholt?

Ederer: Ja, ich hab ich mich schon erholt. Stimmt, ich war total überrascht - auch, weil bis dahin niemand konkret mit mir darüber gesprochen hatte. Ich war seinerzeit aus der Politik als Vorstandsmitglied zu Siemens gegangen und dachte, das war’s.

STANDARD: Siemens hatte bisher weltweit keine Chefin in einer Landesgesellschaft, nur Chefs. Ist das System?

Ederer: Ich glaube nicht, dass das bewusste Strategie ist, aber Tradition. Siemens ist sehr technikgetrieben, daher dominiert sozusagen Männerbeschäftigung.

STANDARD: Ist es von Nachteil, keine Technikerin zu sein?

Ederer: Bis jetzt war es noch keiner. Es geht ja darum, das Unternehmen zu führen, also auf wirtschaftliche Veränderungen richtig reagieren. Das hat viel mit Hausverstand, sozialer Intelligenz zu tun. Für die Expertise gibt es hier brillante Techniker.

STANDARD: Eine Hauptaufgabe wird sein, Begehrlichkeiten des Stammhauses abzuwehren, den um die VA Tech vergrößerten Laden zusammenzuhalten und Hydro zu verkaufen. Dabei ist internes und technisches Know-how kein Nachteil. Sind ihre Netzwerke stark genug gegen die "Erlanger Mafia"?

Ederer: Also, solche Begriffe weise ich zurück. Ich hatte fünf Jahre die Chance, gemeinsam mit Albert Hochleitner zu erleben, wie man sich da aufstellt.

Damit hab ich eine gute Grundausbildung. Das hat etwas mit eigener Softwareschmiede zu tun, mit Produktion. Manchmal diskutieren wir halt, was zum Wohle des Unternehmens ist.

STANDARD: Für das Trafowerk in Nürnberg gibt es eine temporäre Beschäftigungsgarantie, für Weiz und Linz nicht. Wenn es eng wird, liegt Nürnberg näher bei München als Weiz. Was dann?

Ederer: Man kann grundsätzlich für gar nichts Beschäftigungsgarantien abgeben. Ein Konzern wird aber nicht mutwillig etwas, das intern sowohl produkt- und als auch kostenseitig mit "Sehr gut" beurteilt wird, infrage stellen.

Ich gehe davon aus, dass uns das in Österreich keine Sorgen bereiten sollte. Die ElinEBG-Gebäudetechnik gibt es in der Form im Siemens-Konzern nicht mehr. Die wollen wir als so genannte Non-Group-Activity weiter führen.

STANDARD: Wie lang? Es heißt, sie wird nach der Neukonfiguration verkauft. 1200 Beschäftigte bangen um ihre Jobs.

Ederer: Nein. Jetzt ist dieses Geschäft zu stabilisieren und zu konsolidieren. Klar ist, dass es langfristig profitabel sein muss. Richtschnur ist eine Umsatzrentabilität von 4,7 bis fünf Prozent.

STANDARD: Sie haben bald die undankbare Aufgabe, Arbeitsplätze abbauen zu müssen. Wie geht es Ihnen dabei als ehemalige SPÖ-Funktionärin?

Ederer: Grundsätzlich hat niemand Spaß an Mitarbeiterabbau, der müsste ja gestört oder psychisch krank sein. Das hat mit Parteibuch nichts zu tun. Ich habe Verantwortung für das Unternehmen und muss Maßnahmen rechtzeitig einzuleiten und sozial verträglich durchführen.

STANDARD: Ihr Vorgänger hat Siemens Österreich auf sieben Milliarden Euro Umsatz und 30.000 Beschäftigte verdreifacht. Wie wird Siemens nach drei Jahren Ederer aussehen?

Ederer: (lacht) Nein, ich sag jetzt nichts. Denn ich habe gelernt: Wenn ich jetzt eine Zahl nenne, messen Sie meinen Erfolg in drei Jahren ausschließlich an dieser. Mein Ziel ist es, dass Österreich und die Länder Zentral- und Osteuropas eine Einheit bleiben.

STANDARD: Sie haben im Vorstand sechs Kollegen, von denen drei Ihren Job haben wollten. Keiner hatte jemals eine Frau als Chefin. Wie gehen Sie damit um?

Ederer: (lacht) Das müssen Sie die Herren fragen! Ich glaube nicht, dass es Probleme gibt damit, wir haben ein sehr kollegiales Verhältnis und eine klare Aufgabenteilung. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.12.2005)

Zur Person

Brigitte Ederer (49) kam 1977 zu Ferdinand Lacina in die Arbeiterkammer, war ab 1983 SPÖ-Nationalratsabgeordnete und EU-Staatssekretärin (1992-95), ehe sie 1997 Wiener Finanzstadträtin wurde. 2001 wechselte sie vom Aufsichtsrat in den Vorstand von Siemens Österreich. Die Volkswirtin ist mit EU-Parlamentarier Hannes Swoboda verheiratet.

Das Gespräch führte Luise Ungerboeck.
  • Artikelbild
    foto: der standard/regine hendrich
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